February 25, 2024

Der 25-jährige Ivo Bosshard aus Bremgarten ist nach Nordfrankreich gefahren, um in Flüchtlingslagern mitzuhelfen. Was er erlebt hat, lässt ihn nicht mehr los.

Darum gehts

  • Ivo Bosshard hat Weihnachten nicht mit seiner Familie, sondern mit Geflüchteten verbracht.

  • In Dunkerque und Calais (Nordfrankreich) warten viele und hoffen, nach England fahren zu können.

  • Die Geflüchteten leben in selbstgebauten Lagern, die regelmässig von französischen Beamtinnen und Beamten zerstört werden.

  • Der 25-jährige Ivo erzählt von seinen Erlebnissen in den Flüchtlingscamps.

Statt Weihnachten mit seiner Familie bei Kerzenschein und Geschenken zu verbringen, fuhr Ivo Bosshard lieber sieben Stunden nach Nordfrankreich, um in einem Flüchtlingslager mitzuhelfen. Bereits zum dritten Mal war der 25-Jährige in Dunkerque und Calais, wo viele Geflüchtete in prekären Bedingungen leben müssen. Die Erfahrungen, die er bei seinen Freiwilligeneinsätzen macht, prägen den jungen Mann enorm.

«Hat mich wahnsinnig berührt»

Ivo erzählt von einer Erinnerung, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. «An einem regnerischen Tag habe ich Abfall gesammelt. Überall lag Müll im Schlamm, es stank, regnete und Ratten liefen herum.» Da sei ein Mann zu ihm gekommen und habe nach einem Abfallsack gefragt. «Dann legte der Mann den Müllsack in den Schlamm, zog seine Schuhe aus, kniete sich auf den Sack und begann zu beten. Dieser Moment hat mich wahnsinnig berührt», so der Bremgartner.

In Dunkerque und Calais ist ein solcher Anblick nicht selten.

Sauberes Trinkwasser nicht selbstverständlich

Sowohl in Dunkerque als auch in Calais sind Hilfsorganisationen vor Ort und kümmern sich um die Menschen in Not. Darunter auch die Organisation Charitable Roots, für die Ivo bereits zum dritten Mal mit angepackt hat. Das Team um Ivo kümmert sich um sauberes Trinkwasser, Duschen, die Müllentsorgung und Stromversorgung. Andere Aufgaben, die in den Flüchtlingslagern anfallen, werden von anderen Organisationen übernommen.

Die Trinkwasser-Tanks werden täglich nachgefüllt.

«Das Bewundernswerte daran ist», so Ivo, «dass der Gründer der Organisation ein Strandleben in Australien hatte und es gegen ein Leben am Existenzminimum getauscht hat, nur um zu helfen.»

«Nur schon privilegiert, eine ID zu besitzen»

Immer wieder wird dem jungen Schweizer bewusst, «wie privilegiert ich nur schon bin, mich dank meiner ID ohne Einschränkungen im Raum bewegen zu dürfen. Auch wenn mich nur sieben Stunden von Dunkerque trennen – die Lebensrealitäten sind grundlegend verschieden», sagt Ivo. Auch nächstes Jahr will er wieder mithelfen: «Für mich ist es das Mindeste, ein paar Wochen meiner Ferien zu opfern, um dort zu helfen, wo es wirklich nötig ist.»

Würdest du auch helfen gehen?

«Die Lager werden alle zwei Tage zerstört»

Doch die Flüchtlingslager sind informell, sprich illegal. «In Calais werden sie alle zwei Tage zerstört, in Dunkerque einmal pro Woche. Diese Tage werden ‹Eviction Days› genannt», sagt Ivo weiter. «Die Behörden kommen mit Polizisten in Vollmontur, einem Bagger und Muldenwägen mit Greifzangen.» Die Camps würden komplett zerstört.

«Praktisch alle Flüchtlinge in Nordfrankreich müssen in selbstgebauten Flüchtlingslagern leben. Trotzdem werden sie geplagt und vertrieben.» Auch Geflüchtete, die in Frankreich ein laufendes Asylverfahren haben und Anspruch auf eine Unterkunft hätten, würden oft sich selbst überlassen, weil zu wenig Flüchtlingsunterkünfte bereitgestellt werden.

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