July 20, 2024

Die FDP-Politikerin Sonja Rueff-Frenkel wurde antisemitisch beschimpft. Die ausbleibende Zivilcourage erschüttert die Jüdin jedoch fast mehr. 

Die FDP-Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel wurde beim Flyern aufgrund ihrer Zugehörigkeit der jüdischen Glaubensgemeinschaft antisemitisch beschimpft. Sowohl die ausbleibende Zivilcourage wie auch das Schweigen, wenn es um den Angriff der Hamas auf Israel geht, erschüttern sie.

Darum gehts: 

  • Die FDP-Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel wurde beim Flyern von zwei Männern mit antisemitischen Ausdrücken beschimpft. 

  • Besonders empört ist Rueff-Frenkel, dass Umstehende das Szenario beobachtet haben, ohne einzugreifen. 

  • Im Interview mit 20 Minuten spricht Rueff-Frenkel über ihr Sicherheitsgefühl als Jüdin und Person der Öffentlichkeit und über fehlende Solidarität gegenüber der jüdischen Gemeinschaft. 

Montag Nachmittag am Bahnhof Stadelhofen: Die FDP-Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel verteilt zusammen mit einem Jugendlichen Flyer für ihre Nationalrats-Kandidatur. Aus einiger Entfernung nähern sich den beiden zwei Männer, bleiben vor der Politikerin und dem Jugendlichen stehen und beschimpfen sie mit wüsten antisemitischen Ausdrücken – «du Judenschwein» ist nur einer davon.

Rueff-Frenkel, Schweizer Jüdin, ist schockiert, aber gefasst: Sie wehrt sich mit Worten, es beginnt eine Diskussion. Dann entfernen sich die Männer und lassen sich einige Meter weiter auf einer Treppe nieder. Ihre Hasstirade ist damit aber noch nicht vorbei: Immer wieder bewerfen sie die Politikerin mit antisemitischen Ausdrücken. Die Szenen ziehen die Aufmerksamkeit der Passantinnen und Passanten auf sich – aber niemand reagiert.

Frau Rueff-Frenkel, in einem Tweet auf X haben Sie ihre Erfahrung geteilt und kommentiert: «Am schlimmsten war: Alle haben zugeschaut und geschwiegen.» Warum ist das Schweigen am schlimmsten?

Sonja Rueff-Frenkel: Ich fragte mich nach den Gründen des Schweigens: Fanden die Passantinnen und Passanten das lustig? Stimmten sie den Männern zu? Was hielt sie davon ab, Zivilcourage zu zeigen? Ich habe mich in der Situation allein gefühlt – und das Schweigen hat mich fast mehr schockiert.

Wie sicher fühlen Sie sich in der Schweiz? Und hat der Angriff der Hamas auf Israel ihr Sicherheitsgefühl beeinflusst?

In der Schweiz habe ich mich immer sicher gefühlt. Daran hat sich seit dem 7. Oktober auch nichts geändert. Anders ist es im Ausland, wo das Gewaltpotenzial viel höher ist. Ich gehe bald nach Paris und werde dort vorerst jüdische Einrichtungen meiden.

Die neuste Statistik des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG zeigt, dass Antisemitismus in der Schweiz zugenommen hat. Wie erleben Sie die Situation seit dem 7. Oktober?

In meiner Wahrnehmung hat der Angriff der Hamas den Antisemitismus in der Schweiz verstärkt.

Inwiefern?

Bei vielen Menschen blieb die bedingungslose Verurteilung des Terrorangriffs der Hamas auf Israel aus. Der Angriff der Hamas am 7. Oktober auf Zivilisten geschah aus purem Hass gegenüber jüdischen Menschen und lässt sich meiner Meinung nach nicht relativieren und mit nichts rechtfertigen. Nach dem Angriff bekundeten viele ihre Solidarität zu Palästina, in den Sozialen Medien sind viele Hasskommentare gegenüber Israel und gegenüberJuden zu lesen. Man kann eine andere Meinung im Nahostkonflikt haben, aber man muss die Terrorattacke vom Anfang Oktober losgelöst davon betrachten.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf die Solidarität für die jüdische Gemeinschaft?

Ich wünsche mir, dass man zum einen folgendes versteht: Das, was in Israel passiert ist, betrifft alle Juden, denn die Hamas will die jüdische Religion auf der ganzen Welt zerstören. Gleichzeitig kann man aber nicht alle Juden auf der Welt für die Israelpolitik verantwortlich machen. Zum anderen wünsche ich mir, dass man nicht einfach wegschaut: Selber habe ich in meinem privaten und politischen Umfeld von links bis rechts viel Solidarität gespürt. Von anderen Betroffenen weiss ich aber, dass sie mit Schweigen konfrontiert werden – das tut weh. Gerade wenn man weiss, wie gross die Solidarität in der Schweiz gegenüber anderen Menschen in Krisensituationen ist. Es reicht, Betroffene zu fragen, wie es ihnen geht. Damit nimmt man schon Anteil.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *