April 12, 2024

Eine halbe Million Menschen sind von einer akuten Hungersnot bedroht: Palästinensische Kinder erhalten in Rafah im südlichen Gazastreifen Essensrationen.

Nun soll es ganz schnell gehen. Wochen und Monate hatten die Vereinten Nationen, die USA und mehrere europäische Staaten Israel mit immer ungeduldigeren Worten dazu aufgefordert, mehr humanitäre Hilfe in den besetzten Gazastreifen hineinzulassen. Dort ist eine halbe Million Menschen von einer akuten Hungersnot bedroht.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mehrere Dutzend Kleinkinder bereits an Unterernährung gestorben. Am Donnerstagabend kündigte US-Präsident Joe Biden die Errichtung eines provisorischen Hafens vor der Küste des Gazastreifens an, der über einen Damm mit dem Festland verbunden werden soll.

Erste Gaza-Hilfen über Seeweg schon am Wochenende

Die Konstruktion eines solchen Behelfshafens könnte nach Ansicht von Militärexperten einige Wochen dauern; Zeit, die die Hungernden im Gazastreifen nicht haben. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will bis dahin deshalb nach Übergangslösungen suchen, bereits am Wochenende sollen die ersten Schiffe von Zypern aus aufbrechen, die Hilfsgüter an Bord haben.

Ein Vorhaben, das auch von den Vereinigten Arabischen Emiraten und von Grossbritannien unterstützt wird. Die Hilfsgüter könnten dann vor der Küste von Gaza in kleinere Boote umgeladen werden, da der einzige Hafen dort nicht genug Tiefgang hat und bereits weitgehend zerstört ist. Alternativ würden die ersten Schiffe in Israel oder Ägypten anlanden und die Hilfsgüter von dort auf dem Landweg weiter nach Gaza gelangen. Sie stünden dann aber wieder vor dem gleichen Problem, das zu der Idee der Seebrücke führte: Israel lässt über die zwei geöffneten Grenzübergänge nicht genügend Hilfe in den Gazastreifen.

Hilfe aus der Luft für die Menschen in Gaza.

Im Februar sind im Schnitt nur etwa 100 Lastwagen am Tag über die Grenze in den Gazastreifen gelangt, seitdem ist die Zahl etwas gestiegen, liegt aber weit unter der Zahl vor dem Krieg, als durchschnittlich 500 Laster am Tag in den Gazastreifen kamen, wo es damals auch noch eigene Landwirtschaft gab.

Auf ägyptischer Seite hat sich eine mehrere Kilometer lange Schlange von Lastwagen gebildet, die nicht von Israel abgefertigt werden. Hilfsorganisationen beklagen, dass dringend benötigte Hilfsgüter wie Anästhesiegeräte, Sauerstoffflaschen, Beatmungsgeräte und Wasserfiltersysteme an der Grenze abgewiesen würden, da sie aus israelischer Sicht auch für den Waffenbau missbraucht werden könnten. Auch Schlafsäcke und Zeltstangen sollen abgelehnt worden sein.

Rechtsradikale Siedler behindern Hilfstransporte

Die USA fordern Israel deshalb auf, auch den Grenzübergang Erez im Norden von Gaza zu öffnen. «Israel muss mehr Hilfsgüter in den Gazastreifen lassen und dafür sorgen, dass humanitäre Helfer nicht ins Kreuzfeuer geraten», sagte Biden.

Nach dem Völkerrecht hätte Israel als Besatzungsmacht die Verpflichtung, die Versorgung der Bevölkerung im Gazastreifen sicherzustellen. Nach dem Terrorangriff der Hamas mit etwa 1200 Toten und der Verschleppung von Geiseln, von denen sich noch mehr als 100 in der Gewalt der Hamas befinden, hatte Israel den Gazastreifen erst vollkommen abgeriegelt und dann in beschränktem Umfang wieder Hilfe zugelassen. Rechtsradikale Siedler behindern seit Wochen Hilfstransporte an den Grenzübergängen.

Wer verteilt die Hilfsgüter in Gaza?

Auch beim Seekorridor soll Israel trotz der bisherigen Probleme wieder ein Mitspracherecht bekommen. Geplant ist offenbar, dass das israelische Militär auf Zypern alle Hilfsgüter inspizieren darf. Die USA und die EU setzen aber darauf, dass die Anwesenheit von internationalen Beobachtern es Israel erschweren könnte, Hilfe zurückzuhalten. Selbst wenn mehr Hilfe in den Gazastreifen hineinkommt, bleibt das Problem der Verteilung der Hilfsgüter; die öffentliche Ordnung ist dort grösstenteils zusammengebrochen.

«Eine Seebrücke ist machbar», sagte Simone Pott von der Welthungerhilfe. «Danach stellen sich aber weitere Fragen: Woher kommen die LKW, die zur Verteilung gebraucht werden? Woher kommen die Fahrer?» Zudem werde in Krisengebieten normalerweise vor der Verteilung von Hilfsgütern die Bedürftigkeit geklärt und es würden Listen erstellt, wer wann was bekomme, um eine geordnete Verteilung sicherzustellen. «Das ist unter diesen Bedingungen derzeit kaum vorstellbar.» Erst vergangene Woche waren bei der Stürmung eines Hilfskonvois mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen, viele durch die Kugeln israelischer Soldaten.

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