April 24, 2024

Gute Stimmung auf Tiktok: Alice Weidel (rechts) mit Lebenspartnerin Sarah Bossard beim Cardance.

Es gibt auf Tiktok Zehntausende von Einträgen zu Alice Weidel, als Figur existiert sie aber mindestens doppelt: als sympathischer Star, der sich alltäglich und menschlich zeigt, und als harte Ideologin einer rechtsradikalen Partei.

In einem neuen Videoclip sitzt die AfD-Chefin mit ihrer Schweizer Lebenspartnerin Sarah Bossard im Auto, Sonnenbrille im Gesicht, singt und tanzt ausgelassen zu einem Lied von Kylie Minogue. Andere Schnipsel zeigen Weidel, wie sie an einer Veranstaltung ihren Fans Modetipps gibt oder bei einer Tonpanne beatboxt. Mal verströmt sie halb ironisch Sex-Appeal, mal dichten ihr Memes eine Romanze mit Sahra Wagenknecht an, der Dissidentin von links.

Die andere Weidel zertrümmert in hoch getakteten Redespots die deutsche Politik: «Wer arbeitet, ist der Dumme!», die Ampelkoalition habe das Land «verwüstet» und «verbrannt», «diese Regierung hasst Deutschland». Fachleute meinen, AfD-Politikerinnen und -Politiker schnitten ihre Parlamentsreden zunehmend auf die Bedürfnisse der sozialen Medien zu, wo extrem zugespitzte Clips von 30 bis 90 Sekunden Länge besonders beliebt sind. Der Bundestag bilde nur noch die Kulisse.

Alice Weidel, die lustige Politikerin von nebenan

Die doppelte Weidel verfolgt auf Tiktok ein doppeltes Ziel: Die Alltagsgeschichten sollen sie als «die Lustige aus der AfD» zeigen, als normale, harmlose Politikerin von nebenan. Der Kommunikationsberater Martin Fuchs sagte dem «Tagesspiegel», Weidel habe sich bei jungen Leuten ein eigenes Narrativ aufgebaut: «Die nächste Bundeskanzlerin – eine starke, lesbische Frau, die es geschafft hat, sich in dieser männerdominierten Welt durchzusetzen.» Dieses Image erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass junge Leute danach auch ihrer Hetze geneigter zuhörten.

Auf Tiktok, der chinesischen Plattform, die von drei Vierteln der 16- bis 19-jährigen Deutschen genutzt wird, heimst Weidel jedenfalls Millionen von Likes ein. Keine andere politische Figur in Deutschland habe eine auch nur annähernd so grosse Fan-Community, sagt Fuchs.

Digitale Propagandapartei: Alice Weidel mit AfD-Co-Chef Tino Chrupalla im Bundestag.

Weidel ist auf Tiktok aber nicht allein, vielmehr dominiert ihre Partei das Medium und lässt die anderen Parteien wie Zwerge erscheinen. An Followern gemessen, gehörten 6 der 10 erfolgreichsten Polit-Accounts der AfD, sagt Fuchs, nach Likes seien es 5 von 10. Der Kommunikationsberater Johannes Hillje sagt, in den Jahren 2022 und 2023 sei jedes Video der AfD-Bundestagsfraktion auf Tiktok durchschnittlich 430’000-mal aufgerufen worden – fast zehnmal häufiger als die Clips der nächstbesten Partei. Die AfD erreicht auf Tiktok Millionen von Menschen, Tag für Tag.

Der Grund für diese Dominanz sei, dass die Partei in ihre Kommunikation in den sozialen Medien viel mehr investiere als alle anderen Parteien. Tiktok habe sie auch früher bespielt – und besser begriffen. Erik Ahrens, ein rechtsextremer Berater, der für die AfD arbeitet, hat Tiktok mit Hinweis auf die Wirkung des Radios in den 1920er- und 30er-Jahren «Volksempfänger 2.0» getauft. Ohne lästige Kritik oder Gegenrede habe man dort ein «Fenster» in das Gehirn junger Menschen, in das man 90 Minuten am Tag «reinsenden» könne. Alice Weidel hatte schon 2018 gesagt, das Ziel ihrer Partei sei es, dass die Deutschen irgendwann AfD guckten statt ARD.

Tiktok ist wie gemacht für populistische Parteien

Die Algorithmen von Tiktok kommen extremistischen Parteien wie der AfD extrem entgegen. Nicht nur, weil sie polemische und populistische Inhalte, die Emotionen wie Wut, Angst oder Freude hervorrufen, bevorzugen, sondern auch, weil sie solche Inhalte über die üblichen Blasen hinaus Leuten zuspielen, die dafür ursprünglich wenig oder nicht empfänglich waren.

Junge Wählerinnen und Wähler wiederum sind die Zukunft jeder Partei. Bei der Bundestagswahl 2021 waren bei den jungen Erwachsenen noch die Grünen und die FDP die beliebteste Partei. Bei den Landtagswahlen im Herbst 2023 lag die AfD bereits auf Platz 2 – Fachleute sehen darin auch einen Erfolg der Offensive auf Tiktok.

Tiktok-Posterboy: Ulrich Siegmund, einer der Fraktionsvorsitzenden der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt.

Die AfD setzt dort nicht nur ihre bisherigen Stars in Szene, sondern formt auch neue. Ulrich Siegmund etwa, ein 33-Jähriger aus Ostdeutschland, gilt mit seinen 360’000 Followern als neuer Tiktok-Posterboy der Partei. Am konspirativen Treffen, an dem AfD-Leute in Potsdam mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner «Remigrations»-Ideen wälzten, war der junge Aufsteiger auch dabei (lesen Sie hier, wieso die AfD gegen die Berichterstattung zum Treffen klagt).

Siegmund riet etwa dazu, ausländische Restaurants unter Druck zu setzen, um sie aus Deutschland zu vertreiben. Als über das Treffen berichtet wurde, versuchte er, die Gespräche zu verharmlosen, und sprach von «Lügenpresse». Letzte Woche wurde er in Sachsen-Anhalt als Chef des Sozialausschusses abgewählt. Auf Tiktok schadet ihm das kaum.

Ebenfalls auf Tiktok aufgestiegen: Die linke Politikerin Heidi Reichinnek.

Auch eine seiner Gegenspielerinnen, die 35-jährige Linke Heidi Reichinnek, ist ein Star, der bei Tiktok gross wurde, mit achtmal mehr Followern als CDU-Chef Friedrich Merz und mehr Likes als Weidel oder Wagenknecht. Letzte Woche wurde Reichinnek überraschend zur neuen Anführerin der Linken im Bundestag gewählt.

Die alten Volksparteien dagegen sind auf Tiktok abgehängt. Sie müssten junge Medienkanäle, auch die immer beliebteren Messenger, nicht nur ernster nehmen als bisher, fordert Berater Johannes Hillje. Sondern auch begreifen, dass sie selbst vor Emotionen nicht zurückschrecken dürften, wollten sie in der modernen politischen Kommunikation noch mithalten.

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