May 28, 2024

«Ich habe eingegriffen – und bereue es.» Eine Pendlerin erzählt, warum sie sich im Zug nicht mehr über zu laute Musik beschweren wird.
SBB

Das Wichtigste in Kürze

  • Für eine Pendlerin ist klar: Sie wird sich nicht mehr über Störenfriede im Zug beschweren.
  • Denn, als sie einen Mann auf sein störendes Verhalten anspricht, wird er aggressiv.
  • Die Kriminalprävention rät, man solle sich gewisse Fragen stellen, ehe man eingreift.

«Ich würde es nicht mehr machen.» Die Zürcherin Melanie M.* (39) sitzt diesen Mittwoch in einem Bummler der SBB von Bern nach Zürich. Die Kerfrau hat ihren Laptop aufgestellt und arbeitet konzentriert in einem Zweierabteil der ersten Klasse.

Kurz vor der Abfahrt in Richtung Burgdorf setzt sich ein circa 30-jähriger Mann ins Viererabteil neben sie. In seinem Rucksack: eine Musikbox mit laut dröhnendem Berner Rap.

Melanie M. zögert erst, bittet den Mann aber nach einigen Sekunden, die Musik abzustellen oder Kopfhörer zu tragen. «Der Typ schaute von seinem Handy auf, starrte mich lange an, sagte kein Wort. Dann widmete er sich wieder seinem Handy», erzählt sie.

«Hatte Herzklopfen»

Melanie M. ist verdutzt. Sie denkt, der Mann höre vielleicht schlecht. «Das hätte auch die laute Musik erklärt», sagt sie.

Also hakt sie nach – diesmal lauter. «Könnten Sie bitte Ihre Musik ausmachen? Oder Kopfhörer tragen?» Wieder schaut der glatzköpfige Mann mit Käppli auf, starrt sie eindringlich an und sagt kein Wort.

Dann wird es auch dem Pendler in einem hinteren Abteil zu bunt. Er steht auf und meint bestimmt: «Bitte – stellen Sie Ihre Musik jetzt ab.»

Da passiert es: Der Störenfried geht in sich, ballt die Faust und geht auf Melanie zu. «Als er aufstand, hatte ich Herzklopfen», erzählt Melanie. «Ich dachte, der kommt jetzt zu mir und haut mir eine rein.»

Nicht nur sein stechender Blick, sondern auch seine Masse hätten ihr Angst gemacht. «Er war etwas über 1,80 Meter gross und wirkte stark», so Melanie.

Pendlerin bereut ihr Eingreifen

Doch der Störenfried läuft an ihr vorbei und knöpft sich den Reklamierer vor. «Er wurde unruhig und hat angefangen herumzupöbeln», erzählt sie. Der Typ beleidigt den Pendler: «Sie sind ein aggressiver Mensch! Gott hat Sie verlassen.»

Der Reklamierer bleibt ruhig, gibt ein-, zweimal verbal zurück. Dann verschwindet der Störenfried in die zweite Klasse.


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Melanie M. ist zwar nichts zugestossen, trotzdem bereut sie ihr Eingreifen. «Ich habe die Situation unterschätzt, der Typ war riesig und massig. Ich hatte das Gefühl, er hat sich eine Weile lang überlegt, ob er mich schlagen soll.»

Für sie ist drum klar: «Ich habe eingegriffen – und bereue es», sagt sie. «Lieber setze ich mich nächstes Mal einfach in ein anderes Abteil, als Schläge zu riskieren.»

«Mit dem Unmut der Gegenpartei ist zu rechnen»

Besser so? Beatrice Kübli von der Schweizerischen Kriminalprävention erklärt gegenüber Nau.ch: «Oberstes Prinzip bei Zivilcourage ist immer, sich nicht selbst zu gefährden, sei es nun als Frau oder als Mann.»

Es sei also wichtig, die Situation einzuschätzen. Dabei müsse man sich etwa die Frage stellen, ob man bei einer Eskalation auf die Unterstützung anderer zählen könnte. Oder ob sich die Situation verschlimmern würde, wenn man nicht eingreift.

«Es gilt zu beachten, dass es bei Zivilcourage um mehr geht als um eine höfliche Differenzbereinigung», hält Kübli fest. «Mit dem Unmut der Gegenpartei ist zu rechnen, nicht zuletzt deshalb kommt das Wort ‹courage› (Deutsch: Mut, Anmerkung der Redaktion) darin vor.»

SBB: In Notfällen Transportpolizei rufen

Bei der SBB heisst es auf Anfrage: «Wir empfehlen Reisenden, sich in solchen Situationen an unser Personal zu wenden oder in Notfällen die Transportpolizei zu rufen.»

Die Sicherheit in den Zügen werde von Reisenden zwar generell als hoch eingestuft. Trotzdem könne es im Reisealltag zu Vorfällen kommen, die «negative Auswirkung auf das Sicherheitsgefühl haben».

Die Kundenbegleiterinnen und Kundenbegleiter der SBB seien in der Deeskalation von heiklen Situationen geschult.

* Name von der Redaktion geändert.

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