May 26, 2024

Ein Davoser Restaurant vermietet keine Schlitten und Co. an jüdische Gäste. Der Vorfall schet laut einem Experten dem Image des Bündner Ferienorts.
Davos

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Davoser Restaurant verweigert jüdischen Gästen die Miete von Sportgeräten.
  • Laut einem Experten hat der Vorfall «klar negative Auswirkungen» für den Ferienort.
  • Davos hat als Destination für jüdisch-orthodoxe Gäste eine lange Vergangenheit.

Ein Davoser Restaurant informiert per Aushang, dass jüdische Gäste keine Sportgeräte mehr mieten können. Grund dafür seien «verschiedene sehr ärgerliche Vorfälle», heisst es im auf Hebräisch verfassten Schreiben.

Die Aktion schlägt am Montag hohe Wellen. Graubünden Tourismus bezeichnet sie gegenüber Nau.ch als «inakzeptabel». Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zeigt sich empört, mittlerweile ermittelt die Polizei.

Sogar im Ausland wird über den Vorfall berichtet. «Den noblen Schweizer Wintersport-Ort erschüttert ein Antisemitismus-Skandal», schreibt etwa die deutsche «Bild»-Zeitung. «Aufregung über antisemitisches Schild in Davos», heisst es bei der «Welt».

Der Restaurantbetreiber hat sich mittlerweile für den Aushang entschuldigt. Dennoch sche ein solcher Vorfall Davos als Feriendestination, sagt Tourismus-Experte Florian Eggli von der Hochschule Luzern auf Anfrage. «Insbesondere, da es kein Einzelfall ist.»

In der Tat kam es in der Vergangenheit zu mehreren Konflikten mit jüdischen Gästen in Davos. So beispielsweise auch 2019, als rund 2000 Juden eine Thora-Einweihung feierten. Diese sorgte bei Einheimischen für Ärger – sie empörten sich in den sozialen Medien.

«Negative Auswirkungen auf das gesamte Reiseland Schweiz»

«Solche Schlagzeilen haben klar negative Auswirkungen auf das Image der Tourismusdestination», sagt Eggli. Auf der einen Seite sei der jüngste Vorfall «menschenverachtend». «Andererseits wirkt der Leistungsträger und somit auch die Destination überfordert und unprofessionell.»

In diesem konkreten Fall wäre es leicht gewesen, Massnahmen zu treffen, die alle Kundinnen und Kunden gleichbehandeln, meint der Experte. Er spricht beispielsweise von der Hinterlegung eines Depots via Kreditkarte.


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Damit könne einfach garantiert werden, dass die Schlitten nicht unsachgemäss zurückgegeben werden, so Eggli. «Dass ein Touristiker nicht auf eine solche Idee kommt beziehungsweise die Konsequenzen eines solchen Aushangs nicht abschätzen kann, ist beunruhigend.»

Die genauen Konsequenzen der Aktion seien schwer abzuschätzen. Eggli ist sich aber sicher: «Eine gründliche Aufarbeitung ist zwingend nötig. Sollten sich solche antisemitischen Vorfälle wiederholen, hat das negative Auswirkungen auf Davos und das gesamte Reiseland Schweiz.»

Warum zieht es viele jüdische Gäste nach Davos?

Davos hat als Destination für jüdisch-orthodoxe Gäste eine lange Vergangenheit. «1919 öffnete ein Sanatorium mit einem spezifischen Angebot an koscherer Infrastruktur für jüdische Menschen», erklärt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner auf Anfrage. Damals galt Davos als bekanntes europäisches Zentrum für Lungenkranke.

Über die Jahre habe sich die Funktion verändert, Ferien und Erholung wurden zentral. «Da Davos eine koschere Infrastruktur zu bieten hatte, blieb es ein beliebtes Ferienziel für jüdische Gäste.»

Antisemitische Vorfälle seien seither vereinzelt, aber regelmässig vorgekommen. Die Konflikte begründet Kreutner mit «Missverständnissen oder fehlendem Wissen bezüglich der jeweils anderen Kultur». Darum habe der SIG 2019 ein Projekt lanciert, um gegenseitiges Verständnis zwischen Gastgebenden und jüdischen Gästen zu schaffen.

Allerdings habe die Davoser Tourismusorganisation die Zusammenarbeit im Sommer 2023 «überraschend und einseitig» beendet. Mittlerweile suchen beide Seiten nach konstruktiven Lösungen.

Im September wurde eine Taskforce ins Leben gerufen, um die Zusammenarbeit zu erneuern. So sollten Vorfälle wie jener rund um die Schlittenvermietung eigentlich verhindert werden.

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