February 29, 2024

In South Carolina wird gefeiert: Joe Bidens Unterstützer freuen sich über den Sieg ihres Präsidenten. (3. Februar 2024)

Amerikas Nummer eins war unterwegs, als er ohne nennenswerte Gegnerschaft die erste Vorwahl der Demokraten gewann. Joe Biden verbringt dieses Wochenende bei Spendengalas in Kalifornien und Nevada, weit weg im Westen. South Carolina im Südosten hatte er erst kürzlich beehrt. Am Tag vor dieser etwas einseitigen Primary in diesem Bundesstaat stieg ersatzweise Kamala Harris auf ein Podium, Amerikas Nummer zwei. Das Duo Biden/Harris tritt ja wieder gemeinsam an.

Am Wahltag, dem Samstag, bescherte die demokratische Wählerschaft in South Carolina ihrem Spitzenkandidaten Biden dann 96 Prozent, also fast alle der allerdings nur gut 120’000 abgegebenen Stimmen. Das war für den Sieger noch besser als die 64 Prozent kürzlich in New Hampshire. Der Unterschied: Hier ist er offizieller Bewerber, dort durften Anhänger nur inoffiziell seinen Namen auf Wahlzettel schreiben.

Ernsthafte Rivalen aus eigenen Reihen hat Biden bei seiner Kandidatur jedenfalls keine, der Abgeordnete Dean Phillips aus Minnesota und die Autorin Marianne Williamson (beide um die zwei Prozent) sind wie gehabt Staffage. Da geht Nikki Haley bei den Republikanern Donald Trump vorerst wesentlich mehr auf die Nerven.

Auch die Republikanerin Nikki Haley möchte Präsidentin werden: Die ehemalige UN-Botschafterin bei einer Wahlkampfveranstaltung in New Hampshire. (23. Januar 2024)

Auch ist der Oberbefehlshaber Biden derzeit vor allem mit den US-Angriffen in Syrien, Jemen und Irak beschäftigt, dennoch ist ihm diese Premiere wichtig. South Carolina war sein Start auf dem Weg zum Showdown um die Macht. Die Wahlen im November seien «eine Mission», sagte Biden beim Zwischenstopp in Delaware, seiner PR-Zentrale. «Wir dürfen, wir können, wir dürfen nicht verlieren, zum Wohle des Landes. Und das meine ich aus tiefstem Herzen. Es geht nicht um mich, es geht weit über mich hinaus.»

Einstimmung in Orangeburg ohne Biden

Die Einstimmung am Freitagnachmittag ereignete sich auf dem Gelände der South Carolina State University in Orangeburg ohne Biden – an einem historischen Ort mit vornehmlich afroamerikanischer Studentenschaft. Während der Bürgerrechtsbewegung erschossen Polizisten im Februar 1968 auf dem Campus drei Studenten und verletzten 27 weitere. Die Opfer hatten gegen die Rassentrennung auf einer Bowlingbahn protestiert.

Jamie Harrison, der Chairman der Demokraten, erinnerte auch daran, dass 40 Prozent der Sklaven einst im Hafen von Charleston angekommen seien. Das schöne Charleston, heute beliebt bei Gourmets, liegt eine Fahrstunde entfernt. Die Schüsse auf Fort Sumter in der Bucht vor der Hafenstadt leiteten am 12. April 1861 den amerikanischen Bürgerkrieg ein.

Joe Biden gibt sich nach seinem Sieg in South Carolina selbstbewusst: Er und seine First Lady, Jill Biden, verlassen die Air Force One in Los Angeles.

Im Februar 2024 ergriff nach Trommelwirbel nun Bidens Stellvertreterin Harris das Wort. «Es war South Carolina, das Präsident Joe Biden und mich auf den Weg ins Weisse Haus gebracht hat», hob sie an. «Ohne die demokratischen Wähler von South Carolina wäre ich nicht hier», hatte Biden eine Woche zuvor in der Regionalhauptstadt Columbia gesagt. «Ihr seid der Grund, warum ich Präsident bin.» Ende Februar 2020 in South Carolina war Biden erstmals Sieger einer Vorwahl, nachdem er in Iowa, New Hampshire und Nevada gegen Bernie Sanders und teilweise noch andere verloren hatte.

Harris will «Trump wieder zum Verlierer machen»

Auf dem Höhepunkt der Pandemie hätten die Leute hier gezeigt, «dass eure Stimme Macht hat», sagte jetzt Harris, Tochter einer US-indischen Mutter und eines US-jamaikanischen Vaters. Deshalb sei Biden Präsident. «Und ich bin die erste Frau und die erste schwarze Frau, die Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten ist.»

So soll es vier Jahre später wieder sein. «Jetzt, im Jahr 2024, haben die Menschen in South Carolina erneut gesprochen», liess Biden bekannt geben, als die Wahllokale schlossen, «und ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie uns auf den Weg gebracht haben, die Präsidentschaft erneut zu gewinnen – und Donald Trump wieder zum Verlierer zu machen.»

South Carolina durfte bei den Demokraten diesmal anfangen, es war für Biden der erwartet mühelose Auftakt. «First in the Nation», stand auf dem blauen Biden-Harris-Plakat. Die Demokraten kamen den Republikanern zuvor, dabei ist dieser Südstaat knallrot republikanisch, und ausserdem die Heimat der Republikanerin Nikki Haley.

Bei den republikanischen Vorwahlen ist Donald Trump im Rennen. (31. Januar 2024)

«Harte Wahrheit», war draussen vor der Uni auf einem Haley-Truck zu lesen. «Wir werden eine Präsidentin bekommen. Es wird entweder Nikki Haley oder Kamala Harris sein. Trump kann Biden nicht schlagen, und Biden wird seine Amtszeit nicht beenden.»

Das ist eine ebenso beliebte wie gewagte Theorie, Kamala Harris jedenfalls fürchtet eher Trumps Comeback. Sie sei «zu Tode erschreckt» von der Möglichkeit, dass Trump gewinnen könne, sagte sie kürzlich dem Sender ABC. Für sie begann in South Carolina der Versuch, den USA genau das zu ersparen. Sie schwärmte bei ihrem Vortrag vom Highspeed-Internet, für das ihre Regierung gesorgt habe, von 136 Milliarden Dollar Schulden für Studiengebühren, die trotz republikanischen Widerstands erlassen werden sollen.

Furcht vor dem «Unordnung, Angst und Hass»

Sie sprach vom Einsatz für diese Unis, genannt «Historically black colleges and universitites». Amerikaner verwenden weiterhin das Wort «black», schwarz, wenn es um die Hautfarbe geht. Für die Demokraten ist das nach wie vor bedeutend, mehr als die Hälfte ihrer Anhänger in South Carolina haben afroamerikanische Wurzeln.

Oder dies: «Hebt bitte die Hand, wenn ihr ein Familienmitglied mit Diabetes habt», rief Harris. Viele Hände gingen hoch, auch ihre. Biden und sie hätten es «mit Big Pharma aufgenommen, und wir haben die Kosten für Insulin für unsere Senioren bei 35 Dollar pro Monat gehalten.»

Mehr als 14,4 Millionen Jobs seien unter ihnen entstanden und die Gehälter erhöht worden, warb die Rednerin Harris. Viele Amerikaner sind angesichts hoher Preise zwar weniger begeistert, obwohl die US-Wirtschaft tatsächlich rasant wächst. Aber Harris warnte auch vor dem Schlimmsten, sollte Trump mit seiner Nähe zu Extremisten und Diktatoren noch einmal im Oval Office sitzen. Es gehe um Bidens «Land der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit» und Trumps «Land der Unordnung, der Angst und des Hasses».

Nach kaum 20 Minuten war ihre Expressrede vorbei, kein grosser Auftritt. Kamala Harris, 59, galt mal als natürliche Nachfolgerin Bidens, vorläufig ist ihre unauffällige Bilanz eher eines seiner Probleme. An der liberalen South Carolina State University mit vielen Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern hatte sie dennoch ein Heimspiel.

Junge wünschen sich eine Präsidentin Harris

Die Zukunft des Landes stehe auf dem Spiel, «alles», sagte eine Geschichtsstudentin und Erstwählerin. Was Kamala Harris sage, das klinge «so natürlich für black people» wie sie. Der Fehler mit Trump dürfe nicht noch einmal passieren, «wir müssen aus der Geschichte lernen.»

Kamala Harris bei einer Wahlkampfveranstaltung am 3. Februar 2024.

Bidens Alter? Er ist 81. «Wir rocken mit ihm, solange er rockt», antwortete die werdende Historikerin. Zwei andere Studentinnen sind noch unentschlossen, wen sie im Herbst wählen sollen. Eine Dritte, ebenfalls 18, würde sich eine Präsidentin Harris wünschen, «das würde unser Leben verändern», aber gut, sie sei mit Biden sozusagen aufgewachsen.

Biden und Harris seien nicht zu trennen, findet Delano Whitfield, «sie sind wie Zwillinge». Er werde wie 2020 wieder sein Kreuz bei Biden machen. Whitfield ist 23, studiert Kommunikation und trug zur Feier des Tages einen weissen Anzug mit Fliege sowie eine Art roter Stola, darauf dieser Titel: «Mister State South Carolina University 2024.» Dieser junge Mann hat seine Wahl schon gewonnen, dem alten Mann stehen voraussichtlich noch neun Monate bevor.

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