April 12, 2024

Im Oktober 2022 konnte die Ukraine die Kertsch-Brücke durch eine Explosion beschädigen.

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Knapp 19 Kilometer lang ist die Brücke, die Russland mit der annektierten Krim verbindet. Damit ist die Kertsch-Brücke die längste Brücke Europas. Und auf deren Zerstörung sollen es die Ukrainer nun abgesehen haben. Das verkündete ein hochrangiger Beamte des ukrainischen Militärgeheimdienstes gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian». Man plane einen dritten Anschlag, denn die Zerstörung sei «unvermeidlich», so der Beamte.

Dem Beamten zufolge wird man die Brücke schon bald untauglich machen. «Wir werden es in der ersten Hälfte des Jahres 2024 tun.» Die Quelle fügte hinzu, dass Kirilo Budanow, der Leiter der Hauptdirektion des Geheimdienstes, bereits «über die meisten Mittel verfügt, um dieses Ziel zu erreichen». Er verfolgte damit einen vom ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski gebilligten Plan zur «Minimierung» der russischen Marinepräsenz im Schwarzen Meer. Die wichtigsten Antworten zur Drohung.

Wieso verkündet der Geheimdienst gerade jetzt, dass er die Brücke zerstören will?

Für die Ukraine läuft es an der Front derzeit schlecht. Fehlende Waffenlieferungen und Munitionsknappheit machen den Streitkräften zu schaffen. Generalmajor Wadim Skibitski sagte gegenüber dem «Guardian», dass die Ukraine angesichts der militärischen Überlegenheit Russlands «keine andere Wahl» habe, als den Kampf auf Ziele tief hinter den feindlichen Linien zu verlagern.

Eine Zerstörung der Brücke wäre für die Ukraine ein bedeutender militärischer Schritt. Vor allem aber wäre es nach zwei Jahren Krieg auch eine moralische Stärkung. Und ob die Ukraine nun über die Mittel für einen Angriff verfügt oder nicht – motivierende Aussichten können die ukrainischen Streitkräfte gerade gut gebrauchen.

Wie realistisch ist ein Angriff?

Die Ukraine hat in der Vergangenheit mit verschiedenen Angriffen gezeigt, dass sie die Krim-Brücke im Visier hat. Ob sie einen grossflächigen Angriff durchführen kann, der die Brücke gar komplett zum Einstürzen bringen könnte, hängt massgeblich von westlichen Waffenlieferungen ab. Insbesondere der von der Ukraine mehrfach geforderten Taurus-Raketen.

Westliche Regierungsvertreter, etwa der deutsche Bundeskanzler Scholz, stehen diesen Lieferungen kritisch gegenüber. «Wir dürfen an keiner Stelle und an keinem Ort mit den Zielen, die dieses System erreicht, verknüpft sein», sagte Scholz bei der DPA-Chefredaktionskonferenz im vergangenen Februar. Deutschland laufe sonst Gefahr, in den Krieg verwickelt zu werden.

Ohne diese Waffen stehen die Chancen für einen grossflächigen Angriff auf ein stark geschütztes Ziel wie die Kertsch-Brücke schlecht. Jedoch hat die Ukraine in der Vergangenheit schon mehrmals mit unerwarteten Erfolgen überrascht, etwa mit dem Versenken des modernsten Schiffs der Schwarzmeerflotte, der Sergei Kotow.

Welche Geschichte hat die Krim-Brücke?

Für Russland hat die Krim-Brücke einen grossen patriotischen Wert: Seit ihrer Eröffnung im Mai 2018 wird sie als Symbol für ein vereintes Russland – inklusive der annektierten Gebiete – verstanden. Am 18. März 2014 verkündete der russische Präsident Wladimir Putin den Anschluss der Krim an die Russische Föderation. Am gleichen Tag kündigte Moskau auch den Bau der Brücke zum russischen Festland an.

Trotz der durch den Westen verhängten Sanktionen wurde der Bau ein halbes Jahr vor dem geplanten Termin beendet. Damit steht für Moskau die Brücke als Zeichen der Fähigkeit Russlands, den Sanktionen des Westens zu trotzen. «Die Brücke ist ein Symbol unserer Einheit und Freiheit», sagte Putin an der Eröffnungsrede 2018.

Was braucht es, um die Brücke zum Einsturz zu bringen?

Die Krim-Brücke gilt als stark gesichert. «Die Einrichtungen der Verkehrsverbindung von Kertsch sind heute am Boden, aus der Luft, vom Wasser aus und unter Wasser umfassend geschützt», sagte der Chef der russischen Nationalgarde, Wiktor Zolotow, im April 2021 gegenüber der russischen Staatsagentur Tass.

Seit der russischen Invasion in die Ukraine wird der Bau nochmals stärker geschützt. Denn seither haben die ukrainischen Streitkräfte mehrfach versucht, die Kertsch-Brücke anzugreifen.

Zweimal mit Erfolg: Am 8. Oktober 2022 explodierte eine Bombe, die in einem Lastwagen versteckt war. In der Folge stürzten mehrere Stücke der Brücke ein. Doch sowohl der Auto- wie auch der Eisenbahnverkehr wurden, wenn auch eingeschränkt, schnell wieder aufgenommen. Den zweiten Treffer landete die Ukraine am 17. Juli 2023 mit einer sprengstoffbeladenen Seedrohne. Diese beschädigte die Brücke jedoch nur geringfügig.

Um die ganze Brücke zum Einstürzen zu bringen, bräuchte es schlagkräftige Raketen – wie etwa die deutsch-schwedischen Taurus-Raketen. Kremlnahe russische Sender veröffentlichten vergangenen Februar ein abgehörtes Telefongespräch, in dem hochrangige deutsche Militärs die Fähigkeiten von Taurus erörterten. Die Experten schätzten, dass 10 bis 20 Raketen wahrscheinlich ausreichen würden, um die Krim-Brücke zu zerstören. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz erteilte der Ukraine erst kürzlich eine Absage für die Lieferung des Marschflugkörpers.

Was würde die Zerstörung für den weiteren Verlauf des Kriegs bedeuten?

Die Krim-Brücke stellt für Russland einen äusserst wichtigen Knotenpunkt dar. Denn über die Landverbindung verläuft ein Grossteil des russischen Nachschubs für die Krim und von ihr weiter in die besetzten Teile der ukrainischen Regionen Saporischschja und Cherson. Lieferungen über den Landweg, entlang des Asowschen Meeres, dauern bedeutend länger. Ausserdem gibt es dort – im Gegensatz zur Brücke – keine funktionierende Eisenbahnlinie.

Könnte die Ukraine die Brücke zerstören, hätte das erhebliche Auswirkungen für den Nachschub der Truppen in die Südukraine. Ben Hodges, vormaliger Oberbefehlshaber der US-Truppen in Europa, und Experten der US-Armee halten die Zerstörung der Kertsch-Brücke gar für den möglichen «Schlüssel für einen ukrainischen Sieg» im Kampf gegen Russland.

Auch der Historiker Antony Beevor sagte im vergangenen Juni in einem Interview mit dieser Zeitung, dass die Entscheidung in diesem Konflikt «im Kampf um die Krim fallen wird». Falls die Ukrainer «mit einem Zangenangriff» die Brücke von Kertsch und die Landenge von Perekop, die die Halbinsel Krim mit dem ukrainischen Festland verbinde, unter ihre Kontrolle brächten, könnten sie das Leben auf der Krim zur Hölle machen, «auch weil sie dann die Wasserversorgung kontrollieren würden».

Krim-Brücke: Knotenpunkt und Symbol

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