April 24, 2024

«Irgendwie mag ich wohl Herausforderungen»: Sinem Dedetaş.

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Gut, auch in der Türkei gilt das Wahlgeheimnis, man weiss nicht, für wen sich Recep Tayyip Erdogan entschieden hat, als er am Sonntag in der Saffet-Çebi-Mittelschule wählen ging, bei ihm ums Eck im Istanbuler Bezirk Üsküdar. Aber man darf ja mal raten. Ziemlich wahrscheinlich, dass es die Kandidaten seiner AKP waren. Nicht Sinem Dedetaş, die für die oppositionelle CHP in Üsküdar antrat, im Meldebezirk des Präsidenten. Ob sich Erdogan wohl mal bei ihr melden wird, bei ihr, deren Bürger er jetzt ist? «Das weiss ich nicht», sagt sie zwei Tage nach ihrem Sieg am Telefon. «Aber wir werden ihm natürlich den gleichen Service bieten wie allen Bürgern.»

Zu den Sätzen, die in der Türkei gerade umgehen, gehört der Ausruf: Hast du gesehen, sie haben in Üsküdar gewonnen! Sie, die Opposition, die bei den Kommunalwahlen so viel besser abschnitt als angenommen. Üsküdar, ein altes Viertel am asiatischen Bosporus-Ufer, hat seit Jahrzehnten konservativ gewählt. Seit es Erdogans AKP gibt, seit er selbst in den Neunzigerjahren herzog, hat die Partei hier nie verloren. (Kommentar zu Türkei-Wahlen: Erdogan steht am Anfang eines langen Abgangs)

Hier gewinnt keine Frau, hiess es

Vor den Wahlen erzählte die 43-Jährige von einer Debatte in ihrer CHP. Als sie vorschlug, sie könnte es versuchen, habe es geheissen: In Üsküdar gewinnt keine Frau. Zu fromm, zu traditionell. Nun ja, habe sie geantwortet: Unsere letzten beiden Männer haben auch nicht gewonnen. «Irgendwie mag ich wohl Herausforderungen», sagte sie.

Hat sie an ihren Sieg geglaubt? Im Ernst? Sie habe sich die Zahlen angeschaut, sagt sie. Immerhin sei sie Ingenieurin. Zuletzt war sie Chefin der städtischen Bosporusfähren, des garantiert schönsten öffentlichen Verkehrsmittels der Welt. Die Fähren bringen jeden Tag die Pendler von Europa nach Asien und zurück, nach Üsküdar zum Beispiel, wo sich über die Jahre etwas getan hat: Auch Nichtfromme haben das Viertel für sich entdeckt. Gentrifizierung sagt man dazu wohl, zum Vorteil der Opposition.

«Wir haben zugehört»

Trotzdem sagten die Umfragen voraus, dass es Sinem Dedetaş schwer haben würde. Erst zum Schluss sah sie, die Frau, die Zahlen mag, eine neue Dynamik. «Ich dachte, wir gewinnen mit vier Prozentpunkten Abstand.» Es wurden fast acht. Wie haben Sie das geschafft, Frau Dedetaş? «Wir haben zugehört», sagt sie. «Wir haben eine transparente und faire Verwaltung versprochen, öffentliche Gelder sind mir heilig.» Dann sagt sie einen Halbsatz, der verrät, dass sie noch nicht lange in der Politik ist. «Ich weiss schon, dass solche Sätze abgegriffen klingen.»

Gerade vor Ort, in den Kommunen, kommt die AKP vielen abgehoben vor. «Die Menschen haben einen Ausweg gesucht», sagt Sinem Dedetaş. Nach ihrem Sieg hätten Menschen sie angerufen, deren Kinder eigentlich hätten auswandern wollen. Und die jetzt überlegen, ob sie der Türkei doch noch eine Chance geben sollen. «Damit habe ich ein Ziel schon erreicht», sagt sie.

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