February 21, 2024

Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Besuch in einem militärischen Ausbildungszentrum für mobilisierte Reservisten im Oktober 2022.

Monatelang hat das russische Verteidigungsministerium Häftlinge aus Gefängnissen für die Front rekrutiert. Die Gefangenen – darunter auch Mörder und Kinderschänder – wurden mit dem Versprechen auf Freiheit zur Vertragsunterzeichnung gelockt: Wer nach sechs Monaten noch lebt, wird von Präsident Wladimir Putin begnadigt und verbleibende Gefängnisstrafen aufgehoben. Tausende Ex-Häftlinge kamen so vorzeitig aus der Haft frei.

Doch nun ändert der Kreml seine Rekrutierungsstrategie: Berichten zufolge bietet der Kreml keine Begnadigungen mehr für verurteilte Rekruten an. Auch die Bedingungen für ihren Dienst wurden erheblich geändert. Das hat BBC Russia in Gesprächen mit Angehörigen und Betroffenen sowie mit Auswertungen aus Chat-Foren herausgefunden. Melden sich Häftlinge freiwillig für die Armee, läuft der Vertrag nun unbefristet bis zum Ende des Krieges, berichtet der Fernsehsender.

Gleiche Bedingungen wie für Mobilisierte

Vor der neuen Regel wurden die meisten rekrutierten Gefangenen in Spezialkompanien namens «Sturm Z» eingeteilt. Diese Einheiten operierten an den umkämpftesten Gebieten der Front und verzeichneten sehr hohe Verluste. Militäranalysten bezeichneten sie deswegen auch als «Kanonenfutter».

Doch seit September 2023 werden rekrutierte Häftlinge in eine neue Einheit namens «Sturm V» geschickt, wie BBC Russia berichtet. Dort werden nur unbefristete Verträge ausgestellt. Damit kämpfen russische Gefangene unter den gleichen Bedingungen wie gewöhnliche Vertragssoldaten und Mobilisierte, die ebenfalls erst nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehren dürfen.

Wagner-Söldner posieren mit weissrussischen Soldaten auf einem Schiessplatz in der Nähe der weissrussischen Grenzstadt Brest. Zahlreiche Wagner-Söldner wurden aus Gefängnissen rekrutiert. (Juli 2023)

Die Bedingungen an der Front sind für die Soldaten von der neuen Einheit «Sturm V» laut dem Fernsehsender ähnlich miserabel wie zuvor in «Sturm Z»: Gefangene werden nach wie vor »an den gefährlichsten Frontabschnitten eingesetzt«. Die unerfahrenen Kämpfer erhalten lediglich ein Training von meist nur wenigen «bis maximal zehn Tage». Und die Überlebensrate ist extrem niedrig: Eine Quelle spricht gegenüber BBC von 25 Prozent. Bei den tiefen Überlebenschancen fühle sich jeder überstandene Kampfeinsatz an «wie eine Wiedergeburt», zitiert BBC einen Soldaten der Einheit.

Die einzigen Möglichkeiten, vor Kriegsende zurückzukehren, sind gemäss BBC der Erhalt einer staatlichen «besonderen Auszeichnung», der «Verlust der Gesundheit» oder das «Erreichen der Altersgrenze» des Militärs (die je nach Dienstgrad unterschiedlich ist).

Für Häftlinge bedeuten die neuen Vertragsbedingungen der sichere Tod: «Wenn du jetzt einen Vertrag unterschreibst, musst du mit dem Tod rechnen, alter Mann», schrieb ein dienender Ex-Häftling gemäss BBC in einem Chatportal. Sechs Monate habe man überleben können, so der Mann namens Sergei. «Aber bis zum Ende des Krieges reicht das Glück nicht mehr aus. Mir ist schon klar, dass ich es nicht schaffen werde», schrieb Sergei, der nach eigenen Angaben seit Oktober 2023 bei «Sturm V» kämpft.

Ex-Häftlinge nahmen wichtige Rolle ein

Die Rekrutierung von Häftlingen nahm zuvor für die russische Armee eine wichtige Rolle ein. Wie das in Washington ansässige Institut für Kriegsstudien schreibt, haben die rekrutierten Gefangenen wahrscheinlich dazu beigetragen, dass die russischen Streitkräfte ihre «Truppenstärke aufrechterhalten» und «regelmässige Rotationen auf operativer Ebene» durchführen konnten.

Die neuen Vertragsbedingungen sind für Ex-Häftlinge bedeutend weniger attraktiv. Ein Rückgang der Zahl der Rekruten, die sich freiwillig aus den Gefängnissen melden, ist damit wahrscheinlich.

Dass der Kreml trotzdem zu der Massnahme greift, ist ein Hinweis darauf, dass Russland dringend weitere Soldaten benötigt. Die Behörden versuchen wohl, so viele der bereits im Einsatz stehenden Soldaten so lange wie möglich an der Front zu halten.

Andererseits bewahrt die neue Rekrutierungspolitik Putin vor Schlagzeilen über begnadigte Gewalttäter, die nach ihrer Rückkehr wieder Verbrechen begehen. In den vergangenen Monaten gab es mehrere Fälle von erneut straffällig gewordener Mörder oder Vergewaltiger, was in der russischen Gesellschaft und bei Angehörigen von Opfern Aufruhr auslöste.

Das unabhängige russische Portal «iStories» berichtete am Donnerstag über ausstehende Entschädigungszahlungen für Kriegsverletzungen von ehemaligen Häftlingen, die in der «Sturm-Z»-Einheit dienten. Wie das Institut für Kriegsstudien schreibt, könnte die Anpassung der Verträge damit auch finanzielle Hintergründe haben: Russische Beamte wollen so wohl den Staatshaushalt bei der Truppenaufstellung entlasten, analysiert das Institut.

Trotz der schlechten Vertragsbedingungen werden wohl auch künftig zahlreiche Häftlinge an die Front geschickt. Dafür sprechen auch Berichte in unabhängigen russischen Medien, wonach russische Beamte immer wieder Insassen zum Kriegsdienst zwingen.

Podiumsdiskussion: Zwei Jahre Krieg in der Ukraine

Vor zwei Jahren überfiel Russland die Ukraine. Die Gegenoffensive ist gescheitert, die Fronten haben sich verhärtet. Im Westen schwindet die Unterstützung, auch in der Schweiz.

Für die Ukraine dürfte das dritte Kriegsjahr das schwierigste werden, denn Putin hält an seinem Ziel fest, die benachbarte Nation auszulöschen. Wie kann die Ukraine überleben?

Darüber diskutieren:

Toni Frisch, Alt-Botschafter der Schweiz und ehemaliger OSZE-Unterhändler in der Ostukraine

Clara Lipkowski, Redaktorin und Russland-Expertin des «Tages-Anzeigers»

Jeronim Perović, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich

Alla Sarbach, Juristin und Mitglied des Ukrainischen Vereins in der Schweiz

Moderation: Christof Münger, Leiter des Ressorts International des «Tages-Anzeigers»

Kaufleuten, Zürich, Mittwoch, 21. Februar 2024, Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr

Hier geht es zum Vorverkauf: kaufleuten.ch

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