April 24, 2024

Phänomenal erfolgreich auf der ganzen Welt – nur daheim ein Politikum: Aya Nakamura, 28 Jahre alt, bei einer Modeschau in Paris Ende Februar.

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Ein Gerücht rauscht durch Frankreich, wild und laut, und wie es den Anschein macht, hat es das Zeug zur mittleren Staatsaffäre. Wenigstens für die extreme Rechte. Das Gerücht geht so: Emmanuel Macron (lesen Sie hier das grosse Macron-Porträt), Präsident der Republik, soll die französische Sängerin und Rapperin Aya Nakamura, eine phänomenal und gesamtplanetarisch erfolgreiche Künstlerin, angefragt haben, ob sie an der Eröffnungfeier der Olympischen Sommerspiele am 26. Juli in Paris singen würde – und zwar etwas von Édith Piaf.

So stand es im Wochenmagazin «L’Express». Weder das Élysée noch Aya Nakamura mochten den Bericht bisher bestätigen. Dementiert haben sie ihn allerdings auch nicht. Wäre ja auch eine wirklich gute Idee: die Vermählung von Zeiten und Stil, olympisch fürwahr. Ein Monument an den Universalismus auch, dem die Franzosen ja mit besonderer Konstanz huldigen.

Ihr Debüt auf Facebook ging viral

Aya Nakamura, die eigentlich Aya Danioko heisst, ist im malischen Bamako in eine Familie von «Griots» geboren worden, wie man in Westafrika Geschichten­erzähler nennt, die durchs Land ziehen und auch mal Zwiste schlichten. Als sie zwei Monate alt war, wanderte die Familie aus, nach Aulnay-sous-Bois in der Pariser Banlieue. Als Jugendliche wollte sie etwas mit Mode machen, versuchte es dann aber mit Gesang, hausgemacht, gepostet auf Facebook.

Ihr Debüt «Karma» ging viral. Sie machte weiter, erfand sich einen Stil. Ihr Künstlername Nakamura ist eine Hommage an eine japanische Figur aus der Fernsehserie Heroes, die sie sehr gemocht haben soll. Sie mischte Sprachen und Slang und wurde immer grösser. Allein der Clip ihres Hits «Djadja» ist auf Youtube fast eine Milliarde Mal angeschaut worden.

Heute ist die 28-Jährige die meistgehörte Künstlerin französischer Sprache, weltweit. Sie ist noch grösser als Édith Piaf, die diesen Rekord seit 1961 gehalten hatte, mit «Non, je ne regrette rien». Dieselbe Liga gewissermassen.

Sie zweifeln an Aya Nakamuras Eignung: Marion Maréchal und Éric Zemmour von der extrem rechten Partei Reconquête.

Nun, die Rechtsidentitären im Land verbitten sich diesen Vergleich. Sie halten ihn für eine Profanierung einer Nationalheiligen – und Aya Nakamura für das Paradebeispiel des modernen, vielschichtig urbanen Frankreichs, das ihnen so missfällt. Die Gruppe Les Natifs, die Eingeborenen, haben sich mit einem Spruchband an die Seine gestellt: «Nichts zu machen, Aya, das ist Paris, nicht der Markt von Bamako», stand da. Im Netz wird Nakamura seither mit einer Welle rassistischer Beschimpfungen eingedeckt. Und nicht nur dort.

Mozart für die zukünftigen Bébés

Marion Maréchal etwa, die Nichte von Marine Le Pen, Spitzenkandidatin der extrem rechten Partei Reconquête bei den kommenden Europawahlen, sagte am Fernsehen: «Diese Frau singt nicht auf Französisch, sie vertritt die französische Sprache nicht.» Was sie wohl eigentlich sagen wollte: Sie ist keine echte Französin. Nakamura besitzt auch die französische Staatsbürgerschaft, und natürlich singt sie fast immer französisch.

Parteichef Éric Zemmour (lesen Sie hier das Zemmour-Porträt) hob die Affäre mal schnell auf eine gesamtzivilisatorische Ebene: «Die zukünftigen Bébés», sagte er vor Publikum, «haben keine Kultur, sie wissen nichts – aber sie erkennen Schönheit, sie lieben Schönheit, und die erkennen sie nicht im Rap und bei Aya Nakamura: Sie entscheiden sich zu 91 Prozent für Mozart.»

«Ihr seid Rassisten, aber taub seid ihr nicht»

Nun schwappt eine Welle der Solidarität zurück. Die Sportministerin, das Olympische Komitee, Politiker – alle raten Aya Nakamura, die Hetzer zu ignorieren, sich nicht zu scheren um deren Hass.

Ganz gelingt das der Sängerin aber nicht. «Ihr seid Rassisten, aber taub seid ihr nicht», schreibt sie auf X. «Das ist es, was euch schmerzt: Ich werde zur Staatsangelegenheit Nummer 1, zur Debatte. Aber was bin ich euch schuldig? Nichts!» Und zu ihrer Community, mit einem Schuss Ironie: «Ich habe den Eindruck, dass ihr dank mir Édith Piaf entdeckt, sie erlebt in mir ihre Reinkarnation.» Das ist vielleicht noch keine Bestätigung des Gerüchts, aber eben auch kein Dementi.

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