May 26, 2024

Pakistaner demonstrieren in der Hauptstadt Islamabad gegen den iranischen Militärschlag.

Das hat gerade noch gefehlt. Der Iran bombardierte am Dienstag pakistanisches Gebiet, zwei Tage später schoss Pakistans Armee zurück – die Logik der Vergeltung.

Allerdings ist hier nicht die Eskalation eines klassischen zwischenstaatlichen Konflikts zu beobachten. Die Gemengelage ist viel komplizierter und teils sehr unübersichtlich. Was sich schon sagen lässt: Ohne Blick auf den Kampf separatistischer Gruppen in Belutschistan lässt sich diese Krise kaum fassen. Es geht um Rebellen im Unruhegebiet Belutschistan, einer Region, die international nur selten in den Blick rückt.

Dass Pakistans Generäle den Befehl gaben, militärisch zu antworten, lässt sich schon aus ihrem Selbstverständnis herleiten. Die Armee hat Stärke zu zeigen. Historisch sieht sich die Truppe als Wächter der Nation, unter chronischer Bedrohung durch den Erzfeind im Osten: Indien. Deshalb hat Pakistan Atomwaffen entwickelt, deshalb orientiert sich das Land am Postulat der «strategischen Tiefe». Es bedeutet, dass Pakistan an seiner Westseite unbedingt verbündete Mächte braucht – oder zumindest keine feindlichen.

Sichtbar wurde das schon in Afghanistan: Pakistan war alarmiert, dass eine international gestützte Regierung dort zu sehr unter indischen Einfluss geraten könnte. Die Taliban, die schliesslich Kabul zurückeroberten, bereiteten dieser Gefahr aus Sicht Pakistans ein Ende.

Und der Iran? Dessen Motive für den Militärschlag auf pakistanisches Gebiet bleiben vorerst nebulös. Umgekehrt spricht viel dafür, dass Pakistan kaum Interesse an einer weiteren militärischen Eskalation hat. Es kann sich eine Front im äussersten Südwesten nicht leisten. Denn dort liegt Belutschistan, ihre schwer regierbare rohstoffreiche Provinz. Sie ist der Wilde Westen Pakistans, in dem es viel zu holen gibt; aber eben auch viel zu verlieren.

Auch China hat Interessen

In Belutschistan kämpfen Rebellen gegen den pakistanischen Staat, sie wollen Unabhängigkeit, vor allem aber Kontrolle über ihre Ressourcen. Belutschen leben auch auf iranischer Seite, was die Beziehungen zwischen den Staaten kompliziert. Beide Seiten sind misstrauisch, werfen sich gegenseitig vor, feindlichen Kräften Rückzugsräume zu gewähren.

Die Vision vom unabhängigen Belutschistan bedroht die Souveränität sowohl des Iran als auch Pakistans. Eigentlich könnte das die Zusammenarbeit fördern. Doch sind die Beziehungen fragil, auch wegen religiöser Verwerfungen. In Pakistan dominieren Sunniten, im Iran herrscht ein schiitisches Regime. Dennoch: Die Regierungen in Teheran und Islamabad müssen reden, um Missverständnisse auszuräumen und unliebsame Überraschungen entlang ihrer Grenze zu vermeiden.

Aufständische in Belutschistan haben viele Klagen, sie fordern kulturelle Eigenständigkeit, sie protestieren, dass andere ihre Rohstoffe plündern. Zugleich sind die Rebellen stark zersplittert. Seitdem auch noch die Grossmacht China die Bühne betreten hat, sind die Spannungen gestiegen. Peking hat sich mit dem Bau des pakistanischen Hafens Gwadar Zugang zum Indischen Ozean verschafft, die Route führt geradewegs durch Belutschistan. Aber schon jetzt ist China unruhig, weil seine Händler, Arbeiter, Ingenieure gefährlich leben. Islamabad muss sie schützen – was für einen Ausgleich mit dem Iran spricht.

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