April 12, 2024

25 Bücher, 15 Millionen Auflage, in 50 Sprachen übersetzt: Otfried Preussler 2003 mit seiner berühmtesten Figur, dem Räuber Hotzenplotz.

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Auf den ersten Blick ist es ein Fall wie viele. Ein berühmter alter Mann wird wegen Jugendsünden gecancelt, sogleich tobt ein Kulturkampf um die moralisch richtige Bewertung von Vergangenheit und Gegenwart.

Ein Gymnasium in Pullach bei München möchte nicht mehr nach Otfried Preussler benannt sein. Ein Hitler-begeistertes Buch eines Jugendlichen, empören sich dessen Verteidiger, wiege also mehr als die unsterblichen Figuren, die einer der grössten deutschen Kinderbuchautoren geschaffen habe? Mehr als der Räuber Hotzenplotz, das kleine Gespenst, die kleine Hexe, der kleine Wassermann oder Krabat?

Jürgen Kaube, Herausgeber der konservativen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», nannte Preusslers Gegner in einem wütenden Leitartikel «lachhafte Reinigungskräfte», «altkluge Kinder» und «Streber». Ihr Entscheid sei «so dumm, dass es wehtut». Wer, anders als Kaube, den Fall etwas genauer ansieht, stellt fest, dass es eher die Empörung ist, die nicht besonders gut begründet scheint.

Das Gymnasium wollte den Namen gar nie

Das Staatliche Gymnasium Pullach wurde 2013 nach Preussler benannt, als Hommage nach dessen Tod im 90. Lebensjahr. Die späte Taufe war höchst umstritten, eigentlich wollte, versteht man es richtig, vor allem die damalige Schulleiterin Preusslers Familie eine Freude bereiten. Ein Teil des Lehrpersonals war genauso dagegen wie die Oberbürgermeisterin von Pullach und 15 Mitglieder des 17-köpfigen Gemeinderates.

Ein Kinderbuchautor, so die Argumente der Gegner, eigne sich als Namensgeber für ein Gymnasium weniger als für eine Primarschule, zumal für eines mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Zudem habe Preussler mit Pullach nie etwas zu tun gehabt. Doch die Schulleiterin setzte sich durch.

2015 wurde bekannt, dass Preussler als 17-Jähriger die Hitlerjugend-Novelle «Erntelager Geyer» geschrieben hatte, die 1944 als Nazi-Propaganda veröffentlicht wurde. Sein erstes Buch verschwieg er später stets. Manche Pullacher Lehrer sahen sich nun in ihrer Skepsis bestärkt. Ein neuer Schulleiter rief 2018 eine Arbeitsgruppe von Lehrern, Schülerinnen und Schülern ins Leben, die Werk und Leben ihres Namenspatrons noch einmal gründlich aufarbeiten sollte.

Jochen Marx, ein Mathematiklehrer der Schule, fand heraus, dass der junge Preussler, 1923 im Sudetenland geboren, ein besonders glühender Nationalsozialist war und bereits mit 17 in die Partei eintrat, was selbst damals ungewöhnlich war. 2023, nach fünf Jahren Arbeit und zehn Jahre nach Preusslers Tod, stellte Marx seine Erkenntnisse in einem Vortrag dar, die Schule zeigte eine Ausstellung zu Leben und Werk. Am Ende blieb eine Frage: Und was machen wir nun mit dem Namen?

Toller Autor, aber kein Vorbild für die Jugend

Schulleiter, Lehrer, Schülerinnen und Eltern beschlossen einhellig, sich angesichts der unglückseligen Taufgeschichte und der neuen Erkenntnisse vom Namen zu trennen. Die Pullacher Oberbürgermeisterin stimmte dem Wunsch genauso zu wie der Gemeinderat und die regionale Trägerschaft. Gibt jetzt noch die bayerische Bildungsministerin Anna Stolz (Freie Wähler) ihr Einverständnis, heisst das Otfried-Preussler-Gymnasium bald wieder Staatliches Gymnasium Pullach.

Schulleiter Benno Fischbach begründete ausführlich, warum sich seine Schule «in Würde» von dem Namen «verabschieden» wolle. Man finde den «Räuber Hotzenplotz» noch so toll wie früher und werde Preusslers Bücher weiter lesen, auch in der Schule. Man sei auch bereit, Werk und Autor zu trennen. Nur als Vorbild für die Jugend sehe man den Autor nicht mehr, so Fischbach. Dass sich der Jugendliche wie so viele für Hitler begeistert habe, mache er Preussler weniger zum Vorwurf als den Umstand, dass er seine nationalsozialistische Novelle danach stets verschwiegen und sich in der Öffentlichkeit nie selbstkritisch dazu geäussert habe.

Zu seinen Werken zählen Kinder- und Jugendbuchklassiker wie «Der Räuber Hotzenplotz», «Das kleine Gespenst» oder «Die kleine Hexe»: Bücher von Otfried Preussler.

Mehrere Biografen nahmen Preussler hingegen in Schutz. Der Autor habe zeitlebens unter seiner jugendlichen Verirrung gelitten. Sein Werk sei geradezu exemplarisch humanistisch und mache sich – wie der «Räuber Hotzenplotz» – besonders eifrig über Autoritäten lustig. Im Jugendbuch «Krabat» (1971) habe er sein eigenes Trauma literarisch verarbeitet – das eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, am Ende aber mittels der Liebe die schwarze Magie des Bösen besiegt.

Empörung und Verständnis in Preusslers Familie

Preusslers Familie reagierte auf den Entscheid gleichfalls gespalten: Tochter Susanne sagte der «Süddeutschen Zeitung»: «Ich fühle mich davon persönlich angegriffen. Hier wird mit wahnsinniger Macht etwas konstruiert und mit drei Jahren Adoleszenz 90 Jahre ehrenwerten Lebens versucht klein zu treten.»

Sabine Volk hingegen, Preusslers älteste Enkeltochter, Literaturwissenschaftlerin und Lehrerin, nannte das Rechercheprojekt der Schule «grossartig» und sagte, sie habe für den Rückbenennungswunsch «grösstes Verständnis». Mehr noch: Ihr Grossvater hätte dem Wunsch, seinen Namen zu leihen, gar nicht erst zugestimmt, hätte er gewusst, dass es in der Schule Widerstände dagegen gebe.

Die Debatte füge weder dem Werk noch der Person ihres Opas Schaden zu, meint Volk. Ihr gegenüber habe Preussler seine jugendliche Begeisterung für den Nationalsozialismus nie verschwiegen – sein erstes Buch aber schon, was sie ihm übel nehme. Öffentlich habe er sich zu beidem nie ausführlich geäussert.

In Deutschland gibt es derzeit noch 22 Primarschulen, die nach Otfried Preussler benannt sind. Keine Schule hat bisher den Wunsch geäussert, den Namen loszuwerden wie das Gymnasium in Pullach.

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