April 24, 2024

Bislang musste sich Schweden wegen seiner Neutralität für alle Szenarien selbst rüsten. Jetzt ist das Land Nato-Mitglied.

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Erst kürzlich hat Wladimir Putin in einem Interview mit dem russischen Staatsfernsehen gesagt, der Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens sei für beide Länder ein «absolut sinnloser Schritt», insbesondere «unter dem Gesichtspunkt der Wahrung der eigenen nationalen Interessen».

Das sieht man in Schweden und Finnland doch etwas anders, zumal Putin im selben Interview Truppenverlegungen androhte: «Wir hatten an der finnischen Grenze keine Truppen, jetzt werden sie dort sein. Es gab dort keine Zerstörungssysteme, jetzt werden sie dorthin verlegt.» Wie aber sehen die Kräfteverhältnisse jetzt aus in Nordeuropa – und was verschiebt sich? Welche Auswirkung hat die neue Mitgliedschaft also für die Region?

Finnland und Schweden sind weit mehr als «Pufferstaaten»

Putins Satz, der Nato-Beitritt bringe Schweden und Finnland rein gar nichts, wird in beiden Ländern jedenfalls herzlich belacht. Schliesslich, so der schwedische Militärexperte Håkan Edström, ändere sich dadurch «wirklich alles für uns». Der Oberstleutnant der schwedischen Armee und Professor an der Hochschule für nationale Verteidigung in Stockholm sagt, man müsse sich nur die Landkarte ansehen: «Im Kalten Krieg war Nordeuropa eine ruhige Flanke, die heisse Front verlief durch Deutschland und Mitteleuropa.» Finnland und Schweden seien damals «Pufferstaaten» gewesen, «jetzt aber grenzen mit Lettland, Estland, Finnland und Norwegen vier Nato-Länder direkt an Russland». Zählt man Polen und Litauen hinzu, die an die Ostsee-Exklave Kaliningrad grenzen, sind es sogar sechs Länder.

Bislang habe sich Schweden aufgrund seiner Neutralität für alle Szenarien immer selbst rüsten müssen. «Weshalb wir von allem etwas haben, fünf U-Boote, rund 100 Gripen-Düsenjäger, Kampffahrzeuge und Artilleriegeschütze für vier Brigaden, alles aus eigener Produktion …» All das könne nun integriert werden in eine sinnvolle Arbeitsteilung, die Edström an einem Beispiel erklärt: Bislang mussten Dänemark und Deutschland die Ost- und die Nordsee zugleich im Blick haben. «Um die Ostsee können wir uns in Zukunft gemeinsam mit den Finnen, den Balten und Polen kümmern, während Deutschland und Dänemark in operationaler Hinsicht die Nordsee übernehmen.»

Schweden als Drehkreuz im Norden

Schwedens Truppe ist etwa 80’000 Personen stark, darunter rund 24’000 aktive Soldaten und Soldatinnen. Aber es gehe ja nicht nur darum, Personen und Panzer zu zählen, so Edström. Schweden sei ab sofort ein zentrales Drehkreuz im Norden: Der Hafen von Göteborg ist der grösste in ganz Skandinavien. «Wir haben quer durchs Land verteilt um die zehn Militärflughäfen, dazu kommen all die anderen Flughäfen, die man im Ernstfall nutzen kann.» Nicht zu vergessen die Insel Gotland, die wie ein unversenkbarer Flugzeugträger vor Südschweden liegt.

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Auf lange Sicht, so Edström, müssten Schweden und Finnen lernen, den Fokus zu verschieben, von der Ostsee hoch in die Arktis. Was beiden Ländern zunächst schwerfallen dürfte: «Schweden ist genau wie Finnland ziemlich stark zentralisiert und auf den Süden des Landes konzentriert.» Norwegen habe immer schon das Arktische Meer im Blick gehabt, «wir Schweden haben uns dagegen nur um unser kleines Binnenmeer vor der Haustür gekümmert. Der Norden war eine Art Anhängsel. Das muss sich ändern, der Wettlauf ums Polarmeer hat längst angefangen.»

Spricht man mit Militärexperten aus Finnland, so betonen diese nicht als Erstes die Truppenstärke des Landes, sondern die Motivation der Menschen. «Genauso wichtig ist der starke Wille, im Falle eines Angriffs auch wirklich zu kämpfen.» So drückt es Charly Salonius-Pasternak aus, Militärexperte vom Finnish Institute of International Affairs (FIIA) in Helsinki. Tatsächlich zeigen Umfragen immer wieder, dass über 80 Prozent der Finnen sagen, sie wären bereit, mit der Waffe in der Hand ihr Land zu verteidigen.

Diese Wehrbereitschaft ist eine Folge der grossen Angst vor Russland, mit dem die Finnen eine 1344 Kilometer lange Grenze teilen. Finnland war in den vergangenen 30 Jahren so etwas wie der Prepper unter den westlichen Ländern – vorbereitet auf den Ernstfall und skeptisch beäugt von den Nachbarn: Was machen die Finnen da bloss? Während nach dem Ende des Kalten Kriegs fast überall abgerüstet wurde, bestellte die finnische Regierung 1992, mitten in einer schweren Wirtschaftskrise, von den Amerikanern 64 F18-Jets. Für die USA war das damals der bislang grösste Waffendeal überhaupt.

Finnland hat die vielleicht grösste Artillerie Europas

Finnland, so erklärt Salonius-Pasternaks FIIA-Kollege Tuomas Iso-Markku, bringe eine enorme Truppenstärke mit ins Bündnis, jedenfalls im Ernstfall. «Die Streitkräfte beschäftigen in Friedenszeiten etwa 12’000 Personen, von denen 4000 Zivilisten sind. Da wir aber 22’000 Wehrpflichtige pro Jahr ausbilden, beläuft sich die Gesamtgrösse der Reserve auf fast 900’000. Die geplante Kriegsstärke der Streitkräfte beträgt 280’000 Soldaten.»

Geplante Kriegsstärke von 280’000 Soldaten: Finnland bringt eine enorme Truppenstärke in das Bündnis.

Dazu kommt die vielleicht grösste Artillerie Europas. Es kursieren Zahlen von 700 Haubitzen, 700 schweren Mörsern und 100 Mehrfachraketenwerfern. Iso-Markku sagt, es sei unmöglich, exakte Zahlen zu nennen, zumal die Waffenlieferungen an die Ukraine das Bild noch verkomplizieren. Es stimme aber, «dass Finnlands Artillerie zu den stärksten in Europa gehört». Die grosse Bedeutung der Artillerie in Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigt, dass Finnland beim Aufbau seiner Truppen kein panischer Prepper war, sondern ein weitsichtiger Stratege.

Zu Putins Behauptung, es habe an der finnischen Grenze bislang keine russischen Truppen gegeben, sagt Charly Salonius-Pasternak, das sei «nichts als gelogen». Bis zum Überfall auf die Ukraine seien fünf russische Brigaden nahe der finnischen Grenze stationiert gewesen. Ein Beispiel ist der Stützpunkt Alakurtti, nur gut 50 Kilometer von der Grenze entfernt.

Putins Ankündigung der Truppenverlegung bedeute einfach, dass diese Stützpunkte neu aufgefüllt werden sollen. Das aber könne wegen der hohen Verluste in der Ukraine dauern. Viel wichtiger aber noch als die Brigaden seien auf russischer Seite zwei andere Faktoren: die Nordflotte rund um Murmansk am Arktischen Ozean, die mit ihren strategischen Atom-U-Booten über einen wesentlichen Teil des russischen Nuklearpotenzials verfügt, und die drei Häfen rund um Sankt Petersburg, von denen aus ein Grossteil der Schiffe in der Ostsee operiert.

Wie Unrecht Putin damit hatte, dass der Nato-Beitritt für Schweden und Finnland belanglos sei, war übrigens gerade nahezu täglich in den Abendnachrichten zu sehen: An der wochenlangen Nato-Übung «Nordic Response» mit 13 beteiligten Ländern nahmen auch 2500 Soldaten aus Finnland und 3000 aus Schweden teil. Bei der Übung wurde das Szenario durchgespielt, dass ein Land namens «Occasus» Finnland überfällt. Der fiktive Angreifer wird östlich von Finnland verortet, und da in dieser Richtung weit und breit nur ein Land zu finden ist, war immer allen klar, gegen wen hier der Ernstfall geübt wurde.

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