May 29, 2024

Kay-Michael Dankl war 2023 auch Spitzenkandidat der KPÖ bei den Landtagswahlen im Land Salzburg.

Der norwegische Barista im Café Alchemie bereitet jeden Kaffee so zu, als hätte er die Technik eigens für diese Tasse erfunden: sehr sorgfältig, sehr aufmerksam. Am Nebentisch spricht eine Lektorin mit einem Autor über sein Manuskript; praktisch jede Zeile im Text ist gelb markiert.

In diese konzentrierte Atmosphäre hinein eilt am frühen Morgen Kay-Michael Dankl, ebenfalls auf dem Weg zur Arbeit: Das Salzburg Museum, in dem er seit sechs Jahren Schulklassen und Erwachsene durch historische und kulturgeschichtliche Themen führt, öffnet demnächst. Und Dankl ist gern pünktlich.

Etwas Neues gewagt

Dabei hätte der 35-Jährige eigentlich anderes zu tun: Dankl ist Spitzenkandidat der KPÖ plus für das Bürgermeisteramt und steht gerade mitten im Wahlkampf. Am Sonntag wird gewählt, und die Zeit rennt. In anderen Kommunen würden Bewerber der Kommunistischen Partei Österreichs vielleicht eher am Rande der Wahrnehmung Politik machen.

In Salzburg ist das anders: Bei der Landtagswahl 2023 hatte die KPÖ plus in der strukturkonservativen, engen, katholischen, von ihrem Ruf als Mozartstadt lebenden Festspielmetropole mit 21 Prozent etwa ein Fünftel der Stimmen bekommen, im ganzen Bundesland immerhin noch knapp 12 Prozent. Das «plus» hinter dem Parteinamen steht übrigens für eine Absetzbewegung von der klassischen KP; 2017 habe man sich, sagt Dankl, zwar als Lücke zwischen den etablierten linken Parteien positionieren – aber auch etwas Neues wagen wollen.

Der SPÖ-Mann versucht es zum dritten Mal

Dass die Linken in der 150’000-Einwohner-Stadt trenden, liegt laut Politikwissenschaftlern vor allem an Kay-Michael Dankl. Es gibt in Salzburg nur wenige, bereits veraltete Umfragen. Aber wenn der Zulauf bei Wahlveranstaltungen, die politische Arithmetik und die Begeisterung für den jungen Vater einer kleinen Tochter nicht täuschen, dann könnte der freundliche Politiker, der bereits im Landtag und im Gemeinderat sitzt, sogar Bürgermeister werden. Vor dem ÖVP-Kandidaten Florian Kreibich, der, weil neu, eher unbekannt ist. Und vor dem SPÖ-Bewerber Bernhard Auinger, der es bereits zum dritten Mal versucht.

Der Kommunist, der mal bei den Grünen angefangen hat, kann in Salzburg mit 80 Prozent zudem ungewöhnlich hohe Vertrauenswerte vorweisen. Und dass er in Graz geboren ist, macht ihn auch zusätzlich interessant: Die Landeshauptstadt der Steiermark wird seit 2021 ebenfalls von einer KPÖ-Frau, von Elke Kahr, regiert.

Die Wahlverweigerer mobilisieren

Dankl sagt, er könne seine Chancen schlecht einschätzen, aber die ÖVP, die zuletzt den Bürgermeister stellte, habe zuletzt überall im Land stark verloren. Dass Landeshauptmann Wilfried Haslauer seit der Landtagswahl 2023 entgegen allen vorherigen Aussagen mit der FPÖ koaliert, hat das Vertrauen in die Konservativen nicht unbedingt gestärkt. Zudem könne seine Gruppierung auch gut abschneiden, hofft er, weil 2019 in manchen Stadtteilen überhaupt nur noch ein Drittel der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben hätten. Er will nun die Wahlverweigerer mobilisieren.

Helfen statt Kassieren: Wahlplakat von Kay-Michael Dankl der KPÖ.

«Solange die ‹Richtigen› zur Wahl gehen», sagt Dankl nachdenklich, «ist die niedrige Wahlbeteiligung den anderen Parteien wurscht. Hundert Prozent der Mandate bedeuten hundert Prozent der Parteienförderung.» Der «desolate Zustand der Parteienpolitik», fügt er hinzu, habe Salzburg, das einen Finanzskandal samt Gerichtsprozessen und Bürgermeisterrücktritt hinter sich hat, auch schon vor der Corona-Krise, vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, vor der Inflation geprägt: «Alles Krisen, die das Vertrauen in etablierte Parteien noch einmal mehr erschüttert haben.»

Der «Sozialarbeiter-Politiker»

Das grosse Thema der KPÖ ist das, was in Österreich «leistbares Wohnen» heisst. Die Mietpreise gehen in Salzburg seit Jahren durch die Decke, Leerstand und Zweitwohnungsmisere sind Dauerthemen, und genau hier setzt Dankl an. Manche Kritiker nennen ihn den «Sozialarbeiter-Politiker», aber ihm gefällt das Kümmerer-Image. «Viele Menschen, die zu uns tendieren, wissen natürlich selbst, dass weltanschaulich einiges zwischen ihnen und uns liegt. Aber sie wollen Veränderung.»

Aussenpolitisch ist er, anders als die Parteifreundin in Graz, sehr klar: Putin ist «eindeutig der Aggressor in einem Angriffskrieg, der durch nichts zu rechtfertigen ist». Aber er würde lieber über anderes reden: über eine Leerstandsabgabe, gemeinnützigen Wohnraum, über die Sünde der «Profitmaximierung» und Sozial- statt Luxusprojekte. In der zweitteuersten Stadt Österreichs kommt das gut an.

Dankl ist bei alledem nicht frei von Effekthascherei: So versenkte er vor wenigen Tagen eine Zeitkapsel mit allen Wahlprogrammen im Erdreich. «Damit man uns daran messen kann, was wir für leistbares Wohnen weitergebracht haben.» Die FPÖ habe sich, sagt er, übrigens «nicht mal die Mühe gemacht, ein Programm zu erstellen».

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