July 25, 2024

Über 800 Menschen hat die ETA umgebracht. Eine Ausstellung in Sevilla zeigt Porträts der Getöteten.

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Wer sich von Bilbao aus auf der Küstenstrasse BI-3151 nach Osten schlängelt, kommt zwischen Armintza und Bakio an einem bizarren Bauwerk vorbei. Unterhalb einer Serpentine, direkt am Meer, steht die Ruine eines Atomkraftwerks. Hunderte Möwen bevölkern zwei markante Kühltürme, Hochspannungsleitungen führen über die Abhänge hinauf ins Hinterland. Der Gebäudekomplex weckt Assoziationen an den Katastrophenreaktor in Fukushima. Tatsächlich hat auch die Zentral Nuklearra von Lemoizko an der Biskaya eine explosive Geschichte, wenngleich auf andere Weise.

Mehr als zehn Jahre lang war das während der Franco-Diktatur begonnene Megaprojekt von Massenprotesten und Bombenanschlägen begleitet. Arbeiter kamen ums Leben, der Chefingenieur wurde ermordet. 1984 wurde das Kraftwerk, obgleich fast fertiggestellt, den Möwen überlassen.

Die nicht so geheime Macht im Baskenland

Es war ein Sieg für die baskische Untergrundorganisation ETA. Ein Sieg jener militanten Nationalisten, die in der Franco-Diktatur als Antifaschisten begonnen hatten und später die demokratische Zentralregierung in Madrid, Lokalpolitiker, Polizisten, Unternehmer und auch unbeteiligte Zivilisten mit Bomben, Entführungen und Morden terrorisierten. Mehr als 800 Menschen hat die ETA zwischen 1968 und 2011 getötet.

Dabei war «Euskadi ta Askatasuna» (baskisch für «Baskenland zur Freiheit») weit mehr als eine mordende Terrorbande, als die sie im Ausland oft wahrgenommen wurde. Gemeinsam mit ihrem politischen Arm, der Partei Herri Batasuna, war ETA jahrzehntelang die geheime (und auch nicht so geheime) Macht in den baskischen Provinzen Spaniens, ein Idol für die Jugend, eine Mafia für einheimische Unternehmer.

Begonnen hat die ETA als Widerstandsgruppe gegen den faschistischen Diktator Franco: Das Bild von 1982 zeigt junge Kämpfer bei einer Schiessübung in den baskischen Bergen.

Zwar folgte 2018 die vollständige Auflösung der Organisation. Doch die Wunden sind noch lange nicht verheilt – nicht in den Köpfen der Menschen, nicht in der Politik, nicht in der Kultur.

Guardia Civil, hol dein Gewehr raus!

Als kürzlich im Madrider Teatro de La Abadía das Bühnenstück «Altsasu» gastierte, mussten die Zuschauer und das Ensemble das Gebäude mit Polizeischutz betreten. Inspiriert war das Stück von einem realen Vorfall aus dem Jahr 2016. In der navarresischen Stadt Alsasua hatten Jugendliche zwei Zivilgardisten mit ihren Frauen beim Feierabendbier in einer Bar erspäht. Die Guardia Civil gilt vielen in den baskischen Provinzen noch immer als Symbol der verhassten Staatsmacht. Jener Staatsmacht, die in den Achtzigerjahren zeitweise selbst mit der Rechtsstaatlichkeit gebrochen und mordende Todesschwadronen, die Grupos Antiterroristas de Liberación (GAL), gegen die ETA ins Feld geschickt hatte.

Die Sache in der Bar eskalierte, eine Schlägerei brach los. Die Polizisten erlitten Prellungen, aber niemand kam ums Leben. Die spanische Staatsanwaltschaft sah darin dennoch einen Terrorakt und forderte für acht beteiligte junge Männer teils jahrzehntelange Haftstrafen, insgesamt 375 Jahre.

Beides, der unerhörte Angriff auf die Polizisten und die unverhältnismässige Reaktion der Justiz, lieferte den Hintergrund für das Bühnenstück. Doch allein der Bezug auf die Schlägerei von Alsasua animierte die rechtsextreme spanische Partei Vox, vor dem Theater einen Strassenprotest zu organisieren. Ein Demonstrant hatte sich mit Kunstblut bespritzt. «¡Guardia Civil, saca tu fusil!», (Guardia Civil, hol dein Gewehr raus!) wurde skandiert.

Oder im Januar, damals präsentierte das Theater Cuarta Pared in Madrid die Premiere von «Nuestros Muertos» («Unsere Toten»). Ein intensives Kammerspiel, bei dem die Mutter eines ETA-Opfers auf den Mörder ihres Sohnes trifft. Ihr Dialog geriet zu einer aufwühlenden Sezierung der spanischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts: Bürgerkrieg, Franco, ETA. Täter und Opfer fanden eine Gesprächsebene. Tatsächlich jedoch ist die Versöhnung, oder auch nur das Zusammenleben, die convivencia, die Politiker in Spanien nahezu täglich beschwören, bis heute nicht einfach.

Gibt es sie noch, die Abertzale?

Als kürzlich ein von Drogenschmugglern getöteter Zivilgardist in der Nähe seiner Heimatstadt Pamplona beigesetzt wurde, verweigerten sich linke und nationalistische Politiker der Basken einer Schweigeminute.

Wer in Navarras Hauptstadt Pamplona im beliebten Restaurant Herriko Taberna (Baskische Taverne) speist, bekommt zum Kaffee Zuckerpäckchen gereicht, die mit demselben Symbol bedruckt sind wie unzählige Plakate auf Balkonen und Fenstern zwischen San Sebastián, Bilbao und Pamplona: Es ist die Forderung, jene ETA-Häftlinge, die in spanischen Gefängnissen fern des Baskenlandes einsitzen, in Anstalten im Baskenland zu überführen. Dasselbe verlangten vor einigen Wochen 20’000 Menschen bei einer Demonstration in Bilbao.

Unversöhnlichkeit auf beiden Seiten: Protestmarsch für die Rückkehr von ETA-Inhaftierten im baskischen Bilbao, 13. Januar 2024.

Gibt es sie doch noch, die «Abertzale», jene, die den Kampf unterstützen? Was bedeutet es heute, ein Abertzale zu sein? «Ursprünglich bezeichnete der Begriff Nationalisten, egal welcher Partei», sagt Pedro Ibarra, ein emeritierter Politologie-Professor, der über seine Unterstützung der aufkeimenden antifranquistischen Arbeiterbewegung im Baskenland ein Buch geschrieben hat.

«Abertzale verstanden sich als Bürger einer Nation – der baskischen. Heute ist das Baskentum eher eine Frage der Kultur, der gemeinsamen Geschichte, der Sprache, der Gebräuche», sagt Ibarra bei einem Treffen in seinem Bauernhaus südlich von Guernica, jenem Ort, der 1937 im Spanischen Bürgerkrieg von Nazibombern zerstört wurde. Das Streben nach Unabhängigkeit sei heute «eher ein theoretischer als ein realer Diskurs». «Es gibt keine offene und radikale Konfrontation mehr, mit der die Unabhängigkeit eingefordert wird.» Demonstrationen wie jene in Bilbao zeigten, «dass die Forderungen viel moderater sind als früher». Wurde einst die Freilassung der ETA-Häftlinge verlangt, ist es heute nur deren Verlegung.

Aber ja, es gibt soziale Bewegungen, die von nationalistischen baskischen Parteien geführt werden, die weiter die Unabhängigkeit fordern. Die gewichtigste dieser Parteien ist Euskal Herria Bildu. In ihr hat sich das politische Erbgut der einst mächtigen, ETA-nahen Partei Herri Batasuna über mehrere Mutationen aufgelöst. Bildu ist heute ein politisches Amalgam und vor allem eines: links.

Der Gewalt müde: Protestdemonstration im Baskenland nach einem ETA-Anschlag 2008.

Doch tippt man EH Bildu in Google ein, vervollständigt sich die Textzeile automatisch um drei Buchstaben: ETA. Das hat vor allem damit zu tun, dass Konservative und Rechte in Spanien die heutige baskische Linke unablässig mit der Terrororganisation von einst in Verbindung bringen. Bildu sei die einzige Partei, mit der man nicht verhandeln dürfe, sagt etwa Alberto Núñez Feijóo, Anführer des konservativen Partido Popular, während er mit der ultrarechten Partei Vox liebäugelt.

Tatsächlich gehört ein prominenter Ex-Etarra, Arnaldo Otegi, zur Führungsriege von EH Bildu. Und bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr standen einige verurteilte ETA-Leute auf Kandidatenlisten. Nach dem Aufschrei von Opferorganisationen und konservativen Politikern verzichteten die Kandidaten auf ihre Ämter.

«ETA existiert nicht mehr, schon seit Jahren nicht»

Für Rechte und Konservative bleibt das Thema ETA ein willkommenes Mittel, um Stimmung zu machen. Nach den Anschlägen auf Madrider Vorortzüge 2004 vertraten Politiker wie der damals amtierende Ministerpräsident José María Aznar sowie konservative Medien die Verschwörungserzählung, wonach nicht Jihadisten, sondern ETA-Kommandos die Bomben gelegt hätten, die 193 Menschen töteten. Diese Version hätte den Rechten mehr Stimmen verschafft und wird trotz überwältigender gegenteiliger Beweislage teils noch heute vertreten.

Im Wahlkampf des vergangenen Jahres entstand der Spruch «¡Que te vote Txapote!» («Soll dich doch Txapote wählen») als Slogan gegen den sozialistischen Premierminister Pedro Sánchez. Txapote war der Kampfname des berüchtigten ETA-Terroristen Francisco Javier Garcia Gaztelu, der wegen seiner Beteiligung an mehreren Attentaten zu 152 Jahren Haft verurteilt wurde.

Sogar am 12. Oktober, dem spanischen Nationalfeiertag, in Anwesenheit des Königs, skandierten rechte Demonstranten den Txapote-Spruch, als hätte der Sozialist Sánchez auch nur das Geringste mit dem ETA-Terror zu tun.

In den Jahren des Terrors: Maskierter Polizeibeamter vor einem ausgebrannten Bus bei San Sebastián.

Ein prominenter Amtsträger aus den Reihen von EH Bildu ist Joseba Asirón, der Bürgermeister von Navarras Hauptstadt Pamplona. Beim Gespräch in seinem barocken Amtszimmer erklärt er, wie es heute um den baskischen Nationalismus steht. «Wir sehen es so, dass wir historische Rechte haben, die uns als Volk entsprechen, die uns entrissen wurden, die wir wiedererlangen möchten.» Er zieht den Vergleich mit Schottland. «Der Zeitpunkt ist vielleicht noch nicht gekommen, aber irgendwann stellt sich die Frage, ob Euskadi (das Land der Basken, Anm. d. Red.) ein Teil Spaniens und Frankreichs bleiben will.»

Gewaltfrei müsse der Weg dorthin sein, aber auch frei von institutioneller Gewalt. Er stehe für eine Politik des Zusammenlebens, ohne das strategische Ziel der Unabhängigkeit aus den Augen zu verlieren. «ETA existiert nicht mehr, schon seit Jahren nicht.» Aber die Zeit habe grosse Narben hinterlassen.

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