April 24, 2024

Phillip Mehrtens im März 2023, wenige Wochen nach seiner Entführung auf der Insel Neuguinea, auf einem von den Rebellen verbreiteten Foto. Die Morgenstern-Flagge in der Hand der Separatisten ist ein Symbol für die Unabhängigkeit der Region Westpapua.

Es waren gute Nachrichten, die da kürzlich vom Ende der Welt verkündet wurden: «Mir geht es gut, sie behandeln mich gut, ich versuche, positiv zu bleiben», sagte der neuseeländische Pilot Phillip Mehrtens in einer zweiteiligen Videobotschaft, an seine Frau und seinen Sohn Jakob gerichtet. «Ich habe euch beide sehr lieb und vermisse euch.» Verbreitet wurden die Clips von indonesischen Rebellen, die Mehrtens vor einem Jahr entführt hatten. Sie kündigten bei dieser Gelegenheit an, ihn freizulassen, «im Sinne der Menschlichkeit und der Menschenrechte», ohne allerdings zu sagen, wann genau. Trotzdem könnte es eine positive Wende in einer tragischen Geschichte sein.

Phillip Mehrtens ist in einen Konflikt hineingeraten, der seit Jahrzehnten schwelt: in den Kampf um Unabhängigkeit für Westpapua von Indonesien. Am 7. Februar 2023 landete Mehrtens mit einem kleinen Passagierflugzeug planmässig auf dem abgelegenen Flughafen von Paro in der Bergregion Nduga. Kurz nach der Landung stürmten jedoch Guerillakämpfer seine Maschine, steckten sie in Brand und entführten ihn.

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Seine fünf Passagiere, unter ihnen ein kleines Kind, wurden freigelassen, «weil sie indigene Papuas sind», wie Sebby Sambom, ein Sprecher der Rebellen, erklärte. Auf einem Foto vom März 2023 ist Mehrtens mit einer verbotenen Morgenstern-Flagge in der Hand zu sehen, dem Symbol für die Unabhängigkeit Westpapuas. Männer umringen ihn und präsentieren ihre schweren Gewehre in Kampfmontur sowie Pfeil und Bogen im Lendenschurz.

Zwei Monate später, im Mai 2023, drohten die Rebellen in einer Videobotschaft, Mehrtens zu töten, wenn ihre Forderungen nach Unabhängigkeitsgesprächen nicht innerhalb von zwei Monaten erfüllt würden: «Neuseeland, Australien und Amerika müssen zur Rechenschaft gezogen werden für das, was sie getan haben, indem sie dem indonesischen Militär geholfen haben, die indigenen Papuas in den letzten 60 Jahren zu töten und das Volk zu ermorden.»

Neuguinea – eine Insel, die in zwei Teile gespalten ist

Die indonesische Polizei ist in Mehrtens Fall hilflos, «weil Nduga ein schwer zu erreichendes Gebiet ist. Wir können nur mit dem Flugzeug dorthin fliegen», erklärte ein Polizeisprecher der Provinz. Die Behörden setzen auf Verhandlungen. Das Gebiet, in dem Mehrtens festsitzt, wird von der indonesischen Armee kontrolliert, die sich häufig heftige Gefechte mit den Rebellen der «Nationalen Befreiungsarmee Westpapuas» (TPN-PB) liefert. Die TPN-PB ist der bewaffnete Arm der «Bewegung freies Papua», die seit langem für die Unabhängigkeit der Region von Indonesien kämpft. Neuguinea ist geologisch, logistisch, aber auch historisch zerklüftet.

Die Behörden verhandeln, doch die Armee hat keinen Zugriff auf die Rebellengebiete. Im Bild: Indonesiens Militärchef Yudo Margono – hier im April 2023.

Westpapua, wo Mehrtens entführt wurde, liegt im indonesischen Teil der Insel Neuguinea. Die Osthälfte ist Teil des unabhängigen Staates Papua-Neuguinea, dort kam es am Sonntag bei ethnischen Konflikten zu einem Massaker mit mindestens 54 Toten. Die indonesische Regierung lässt kaum ausländische Journalisten oder Menschenrechtsbeobachter in die Region.

Obwohl die Regierung im fernen Jakarta auf die Gesprächsforderung der Rebellen nicht einging, liessen diese Mehrtens am Leben. Vermutlich um nicht als Bösewichte dazustehen und weiterhin Aufmerksamkeit auf ihren Kampf zu lenken, der schon seit Jahrzehnten Unruhe erzeugt.

Nachdem die Niederlande sich Anfang der 1960er-Jahre als Kolonialmacht aus dem Westen Neuguineas zurückgezogen hatten, drangen die Westpapuaner auf ihre Unabhängigkeit. Die Vereinten Nationen vermittelten einen Waffenstillstand und überwachten im Jahr 1969 eine Abstimmung, bei der die Westpapuaner über die Zugehörigkeit zu Indonesien abstimmen sollten. Doch dieser «Act of Free Choice» war manipuliert. Damals wurden 1022 Anführer von indonesischen Beamten ausgesucht, um die gesamte indigene Bevölkerung zu vertreten – und bedroht, damit sie die Unabhängigkeit ablehnten.

Geisel für politische Forderungen instrumentalisiert

Seit 2018 ist der Konflikt besonders heftig eskaliert, weil das indonesische Militär mit aller Gewalt versucht, das Gebiet zu kontrollieren, die Rebellen sich aber immer modernere Waffen beschaffen, unter anderem, indem sie Armeeposten überfallen und Soldaten töten. Die harten Gegenschläge der Armee waren Gegenstand einer früheren Überlebensbotschaft von Phillip Mehrtens im vergangenen Jahr. Darin liessen seine Entführer ihn darum bitten, keine Bomben mehr auf das Gebiet abzuwerfen, in dem er gefangen gehalten wird. «Bitte, das ist nicht nötig, es ist gefährlich für mich und alle anderen hier», sagte er.

 «Es geht ihm gut. Er isst gut», versicherte der Rebellensprecher Sebby Sambom.

Mehrtens, heute 38 Jahre alt, wuchs in Christchurch, Neuseeland, auf und zog mit seiner Frau und dem kleinen Sohn nach Bali, der berühmtesten Insel Indonesiens, um als Pilot zu arbeiten.

Ein Jahr nach seiner Entführung ist wenig darüber bekannt, unter welchen Bedingungen er lebt. Seine Entführer sagen, dass sein Wohlergehen «oberste Priorität» habe. «Es geht ihm gut. Er isst gut», versicherte Sebby Sambom, der Rebellensprecher, vor zwei Wochen dem indonesischen Magazin «Tempo».

Vor Weihnachten sprach er mit seinen Liebsten

Winston Peters, Neuseelands Vizepremier und ehemaliger Aussenminister, sagte zum Jahrestag der Entführung bei einer Pressekonferenz: «Wir wissen, dass Phillip kurz vor Weihnachten in der Lage war, einige Freunde und Familienangehörige zu kontaktieren, um ihnen zu versichern, dass er am Leben ist und es ihm gut geht, aber wir sind immer noch besorgt über die lange Zeit, die er festgehalten wird.»

In seiner jüngsten Videobotschaft aus der Gefangenschaft bittet Mehrtens seine Frau, «ein paar Dinge für mich zu bestellen», die ihm seine Entführer zukommen lassen würden. Zwei Asthma-Inhalatoren und einen E-Book-Reader mit «so vielen englischen Büchern wie möglich». Wie freiwillig seine Aussagen zu seinem Wohlbefinden sind, lässt sich von aussen schwer sagen. Er sieht gesund aus. Aber nach einer baldigen Freilassung hört es sich nicht an.

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