May 28, 2024

Ab Dienstag tagt der Nationale Volkskongress in Peking: Staatschef Xi Jinping im Museum der Kommunistischen Partei Chinas.

«Ihr könnt sofort mitkommen, drüben haben wir einen Bus», ruft die Frau, während sie Flugblätter verteilt. «Keine Arbeitserfahrung nötig, alle Arbeitswilligen bis 46 Jahre. Gute Bezahlung.» Männer drängen sich um sie, nehmen sich Zettel. «Wie viel für Überstunden?», fragt einer. «Steht alles hier», sagt sie, wird dann aber unterbrochen. Auf dem Arbeitsmarkt dürfen Firmen nur dann Personal anwerben, wenn sie eine Gebühr bezahlen.

Ein Sicherheitsmann ist aufgetaucht. «Das wusste ich nicht», behauptet die Frau und verteilt weiter Blätter. «Unsere Firma ist nicht weit», sagt sie zu den Arbeitern, «kommt gleich mit.» Als der Sicherheitsmann versucht, ihr die Zettel wegzunehmen, weigert sie sich. «Ihr wisst doch, wie schwierig es ist, gerade für Unternehmen!», sie brüllt jetzt. «Ihr müsst uns auch helfen.»

Ihr Geschrei lockt weitere Wanderarbeiter an, dann die Polizei, die über den Vorplatz patrouilliert. Der Arbeitermarkt an der Busstation Longhua in Shenzhen in Südchina ist für seine Dramen bekannt. Meist geht es aber um Rivalitäten unter den Arbeitern oder um Lohnstreitigkeiten.

Aus dem ganzen Land kommen Männer hierher auf der Suche nach Jobs. Sie klappern die Stationen der Arbeitsvermittler ab und bringen ihr Gepäck zur Aufbewahrungsstelle, wenn sie direkt zum Probearbeiten fahren müssen.

Chinas Führungsspitze versammelt sich

Läuft Chinas Wirtschaft gut, haben die Arbeitsvermittlungen viele Angebote. Herrscht Flaute, steigt auch vor dem Busbahnhof die Not. Es ist ein guter Ort, um einige Tage vor Beginn des Nationalen Volkskongresses ein Gespür für die Probleme zu bekommen, die Chinas Führung gerade beschäftigen.

Einmal im Jahr versammelt sich Chinas Regierungsspitze ungefähr zwei Wochen lang für «zwei Sitzungen» in Peking. Von Dienstag an tagt der Nationale Volkskongress in der Grossen Halle des Volkes. Die meisten Entscheidungen werden vorab im engeren Zirkel der KP-Führung getroffen – und auf dem Kongress nur noch verkündet. So wird Ministerpräsident Li Qiang das Wachstumsziel für 2024 und mögliche Reformziele bekannt geben.

Während sich in Peking die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen und die Regierung ein stadtweites Drohnenverbot verhängt, ist in Shenzhen von dem Kongress nichts zu spüren. Auf dem Vorplatz liegen Männer in Schlafsäcken, daneben stehen Schnapsflaschen. Andere hocken auf Bänken, rauchen, spielen auf ihren Handys. Fliegende Händler bieten gebrauchte Akkus an, Frauen werben für Unterkünfte, umgerechnet zwei Franken die Nacht.

Jobgespräche wie beim Speeddating

In der Busstation sind mehrere Jobvermittlungen untergebracht, sie suchen Arbeitskräfte für Firmen, die im Perlflussdelta produzieren, dem Zentrum der Exportwirtschaft. Die Löhne liegen zwischen 2.50 und 4 Franken pro Stunde, gearbeitet wird an sechs bis sieben Tagen die Woche, zehn bis zwölf Stunden lang. Unter den Suchenden sind namenlose Techfabriken ebenso wie bekannte Handyhersteller wie Vivo oder der Apple-Zulieferer Foxconn. Wer unterschreibt, kann sofort in einen der Busse steigen, die zu den Fabriken pendeln.

Eine Mitarbeiterin der grössten Jobvermittlung im Busbahnhof bereitet jetzt ihr nächstes Gespräch vor. Sie sitzt wie beim Speeddating an einem Tisch. «Häufig ist die Arbeit sehr anstrengend, und die Gehälter sind niedrig», sagt die junge Frau, bevor sich ein Arbeiter vor ihr niederlässt. Sie zeigt ihm einen eng bedruckten Zettel, darauf Dutzende Firmennamen mit dem jeweiligen Stundenlohn und den Anforderungen.

Auf Jobsuche: Interessierte studieren Stelleninserate eines Arbeitsvermittlungszentrums in Qingdao im Osten von China.

Im Busbahnhof von Shenzhen erhält man einen seltenen Einblick in eine Welt, die selbst vielen Grossstadtchinesen fremd sein dürfte. Die Jobs sind meist nur auf wenige Monate ausgelegt, weil die Firma nicht länger sucht oder die Arbeit körperlich zu anstrengend oder eintönig ist, um sie langfristig durchzuhalten.

Viele Arbeiter unterstützen ihre Familien zu Hause, andere geben das Geld sofort aus. Vorausgesetzt, die Firmen zahlen. Die Berichte über Arbeiterproteste wegen nicht gezahlter Löhne nehmen seit Monaten zu. Das grösste Risiko für Arbeiter ist, krank zu werden. Und Sozialbeiträge für die Rente zahlt fast keine Firma.

Immobilienkrise, hohe Verschuldung, schwacher Konsum – China sieht sich mit den grössten Wirtschaftsproblemen seit Jahrzehnten konfrontiert. Das alte Wachstumsmodell, basierend vor allem auf Aussenhandel und Investitionen in die Infrastruktur und den Immobiliensektor, funktioniert nicht mehr. Peking hat es versäumt, längst überfällige Strukturreformen zur Stärkung des Sozialstaats und der privaten Haushalte umzusetzen.

Masse von ungebildeten Arbeitern

An dem Tisch der Jobvermittlerin sind solche Themen weit entfernt. Die junge Beraterin hat selbst erst vor einigen Wochen ihre Heimatprovinz Guangxi verlassen, weil sie von ihrem Gehalt als Erzieherin nicht mehr leben konnte. Jetzt sitzen jeden Tag einige der rund 500 Millionen Chinesen zwischen 18 und 65 Jahren vor ihr, die keinen weiterführenden Schulabschluss geschafft haben.

Die Masse ungebildeter Arbeiter war kein Problem, solange Peking sie in Fabriken und auf Baustellen brauchte. Doch inzwischen sind die Löhne in China gestiegen, Konzerne wandern in andere Länder ab. Viele Arbeiter seien nicht mehr bereit, jeden Job anzunehmen, erzählt die Beraterin. Aber für andere Tätigkeiten fehlt ihnen die Ausbildung.

Einer dieser Arbeiter sitzt am frühen Abend auf einer Bank vor dem Busbahnhof, neben ihm ein Koffer. Er ist 25, stammt aus Shanxi in Nordchina und zieht seit fast zehn Jahren durchs Land. Er hat in Fabriken gearbeitet, als Sicherheitsmann und Lieferbote. Meistens arbeite er eine Zeit lang, dann ruhe er sich aus, bis das Geld alle sei, sagt er. Jetzt sucht er wieder in Shenzhen.

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@Lea_Sahay

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