May 28, 2024

Sonst gegen Verbote, hier nicht: Markus Söder, CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern.

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Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Markus Söder ist ein anerkannter Meister in der Disziplin, seine Prinzipien der Lage anzuschmiegen. Vor nicht langer Zeit sagte er, das freie Bayern unterscheide vom woken Berlin eben, dass hier jeder so essen und reden könne, wie es ihm passe. Damit ist es jetzt vorbei.

Gegen das «verpflichtende Gendern» helfe nur eines, meint der bayerische Ministerpräsident: ein Genderverbot. Der CSU-Chef unterschlug damit einerseits, dass es den behaupteten «Genderzwang» gar nicht gibt, sicher nicht in Bayern. Zum andern widersprach er seiner Ablehnung jeder «Verbotspolitik», die er sonst seinen politischen Gegnern unterstellt – den Grünen vor allem, die er nur «Verbotspartei» nennt.

Diese Woche nun hat die bayerische Regierung das Gendern förmlich verboten. In staatlichen Behörden, in Schulen und Hochschulen dürfen Sternchen oder andere Sonderzeichen im Wortinnern, die geschlechtliche Diversität anzeigen, nicht mehr verwendet werden.

Ein Verbot, das angeblich ein Sieg der Freiheit ist

Florian Herrmann, Söders rechte Hand in der Münchner Staatskanzlei, erklärte den Meinungswechsel ganz in der listigen Dialektik seines Chefs. Nur durch ein Verbot von extremen Sprachneuerungen gelinge es, «Diskursräume offenzuhalten». Eine ideologisch geprägte Sprache, und sei es eine, die das Ziel verfolge, ungenannte Geschlechter einzuschliessen, schliesse nämlich in Wahrheit viele Menschen aus. Deswegen sei dieses Verbot ein Sieg der Freiheit.

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Die akrobatische Begründung weckt den Verdacht, dass bei dem Thema viel politische Symbolik im Spiel ist. Im bayerischen Alltag, das bemühten sich die lokalen Medien gleich zu erklären, ändert das Verbot jedenfalls wenig bis nichts. Das liegt vor allem daran, dass das Gendern, streng genommen, jetzt schon verboten ist. Jedenfalls wenn man der amtlichen Rechtschreibung folgt, die Sternchen oder Doppelpunkte im Wortinnern «nicht empfiehlt».

Das Verbot in Bayern besteht im Wesentlichen darin, deren Verwendung nun explizit zu untersagen. Er wolle vor allem verhindern, meint Markus Blume, Bayerns Wissenschaftsminister der CSU, dass Schülerinnen oder Studenten, die nicht genderten, Nachteile erlitten. Eine Statistik darüber, wie oft das vorkomme, gibt es nicht. Blume behauptet aber, einzelne Fälle zu kennen. In der Schule wird ein gegendertes Wort künftig als Fehler angestrichen – aber nicht mit Abzug bestraft.

Überall in Deutschland greifen die «Sternchenkrieger» an

Was Bayern nun umsetzt, ist längst in ganz Deutschland ein Trend. Vor Bayern haben schon konservative Regierungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein das Gendern verboten oder wenigstens die Rechtschreibregeln ausdrücklich angemahnt. Bald soll Hessen dazustossen. Quer durch die Republik sammeln selbst ernannte «Sprachschützer» zudem Unterschriften für entsprechende Volksinitiativen. Viele wollen auch ARD, ZDF und Deutschlandfunk das Gendern verbieten – was sich die TV- und Radioanstalten mit Verweis auf die Rechtslage präventiv verbitten.

Die AfD kämpft seit ihrer Gründung 2013 gegen das Gendern an, seit einigen Jahren folgen ihnen die Konservativen immer eifriger. Populisten wie Söder oder sein innerbayerischer Rivale Hubert Aiwanger bestritten gefühlt die Hälfte ihres letzten Wahlkampfs mit Spott über den «links-grünen Gender-Wahn». In Mecklenburg-Vorpommern und in Thüringen haben CDU und FDP auch schon gemeinsam mit der AfD für Genderverbote gestimmt, obwohl das die Parteiregeln eigentlich verbieten.

Gendern und Geschlechterpolitik sind emotional höchst aufgeladene Themen, Konservativen liegt es nahe, sich gegen den «aufgezwungenen Fortschritt» zu wehren, den sie verkörpern. Kommt dazu, dass das Gendern laut Umfragen drei von vier Deutschen «stört». Für ein Verbot treten trotzdem nur 48 Prozent ein, 46 Prozent sind dagegen.

«Die Entwicklung lässt sich nicht mehr zurückdrehen»

Söder ist ein Genie darin, Stimmungen zu erspüren und in Politik zu verwandeln, andere ahmen ihn gerne nach. Im benachbarten Baden-Württemberg wandelte sich Vize-Ministerpräsident Thomas Strobl innerhalb eines Tages vom Saulus zum Paulus. Am Morgen kam der Christdemokrat im Gespräch mit seinem grünen Chef Winfried Kretschmann noch überein, das Gender-Thema klein zu halten, am Mittag traf er einen bekannten «Sprachschützer», am Nachmittag teilte er mit, er sei jetzt für ein Verbot.

Kretschmann selbst übrigens ist eher skeptisch, ob progressive Sprachregelungen in der Wirklichkeit tatsächlich etwas veränderten. Er befürchte das Gegenteil: dass sie vor allem Widerstand gegen reale Gleichstellung züchteten.

Die bayerischen Lehrerinnen-, Lehrer- und Studierendenverbände wiederum finden, das Gendern sei Teil und Spiegel einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die sich sowieso nicht mehr zurückdrehen lasse. Vor allem junge Menschen erwarteten, dass geschlechtliche Diversität besser abgebildet werde als früher. Daran werde auch ein Gender-Verbot in der Schule nichts ändern.

Das Gendern polarisiert

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