May 28, 2024

Alexander Litwinenko war eines der vielen Opfer des Kreml: Er wurde 2006 mit radioaktivem Polonium-210 in London vergiftet. Wochen später starb er an Organversagen.

Er stellte sich gegen das System – und bezahlte mit dem Leben: Russlands berühmtester Kremlkritiker Alexei Nawalny ist tot. Er sei nach einem Spaziergang in russischer Haft verstorben, hiess es von der Kolonieleitung. Sein Tod kommt nicht überraschend: Seit seiner Inhaftierung im Jahr 2021 hat sich Nawalnys Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert.

Die Haftbedingungen in vielen russischen Gefängnissen sind prekär und die medizinische Versorgung ungenügend. Nawalnys Angehörige sowie internationale Menschenrechtsorganisationen forderten in den vergangenen Jahren immer wieder den Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung für ihn.

Nawalnys langsames Ableben war Teil des perfiden Vorgehens des Kreml, der politische Gegner aus der Öffentlichkeit isolierte, um sie langsam für immer verstummen zu lassen. US-Präsident Biden benannte am Freitag an einer Pressekonferenz das Offensichtliche: «Putin ist für den Tod Nawalnys verantwortlich.»

Nawalnys Tod reiht sich ein in eine lange Liste von Kremlkritikern, die seit Putins Machtübernahme im Jahr 1999 unter ungeklärten Umständen verstorben sind. Laut dem Committee to Protect Journalists wurden in Russland seit 1999 mindestens 48 Medienschaffende ermordet. Zahlreiche weitere verstorbene Kremlkritiker sind in dieser Statistik nicht enthalten. Die Umstände der Morde sind verschieden, doch was sie verbindet: Meistens wurden die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen. Eine Übersicht.

Jewgeni Prigoschin

Der Anführer der Söldnergruppe Wagner galt jahrelang als Vertrauter Putins. Während des Kriegs in der Ukraine wandelte sich Prigoschin zum öffentlichen Kritiker: Offen und aggressiv kritisierte er die russische Kriegsführung. Die Anstachelungen gegen das Verteidigungsministerium endeten schliesslich in einem Marsch nach Moskau: Mehrere Tausend Wagner-Kämpfer besetzten am 23. Juni 2023 die Stadt Rostow am Don und zogen am nächsten Tag Richtung Hauptstadt.

Für den Putschversuch bezahlte Prigoschin mit seinem Leben: Auf den Tag genau zwei Monate nach dem Marsch stürzte der Wagner-Führer mit seinem Privatjet über der russischen Region Twer ab. Die Absturzursache ist bis heute nicht geklärt. Videos des Absturzes zeigen, wie Prigoschins Privatjet fast senkrecht zu Boden trudelt und dort in einer grossen Rauchwolke verschwindet.

«Einwirkung von aussen auf das Flugzeug gab es nicht, das ist ein bereits festgestellter Fakt», sagte Putin wenig später an einer Pressekonferenz. Man habe jedoch Handgranatensplitter in Prigoschins Leiche gefunden, so Putin. Was auch immer wirklich passiert ist – Prigoschins Tod wird immer auch ein Zeichen für Putins Vergeltung sein.

Rawil Maganow

Rawil Maganow war Vorstandschef des russischen Ölkonzerns Lukoil. Lukoil hatte sich im März 2022 als erstes grosses russisches Unternehmen öffentlich für ein Ende des Kriegs in der Ukraine ausgesprochen. Wenige Monate später verstarb Maganow plötzlich unter rätselhaften Umständen.

Am 1. September 2022 verkündete die russische Nachrichtenagentur Interfax seinen Tod. «Heute Morgen stürzte Maganow aus einem Fenster des Zentralen Klinischen Krankenhauses; er ist an seinen Verletzungen gestorben», hiess es in der Mitteilung. Eine Quelle sagte gegenüber dem Telegram-Kanal Baza, dass Maganow wegen Herzproblemen und Depressionen im Moskauer Spital in Behandlung gewesen sei.

Andere russische Quellen sprachen von Suizid oder einem Unfalltod. Der Konzern selbst teilte mit, Maganow sei an den Folgen einer «schweren Krankheit» gestorben. Nähere Angaben zu seinem Tod machte Lukoil nicht.

Boris Nemzow

Mit der Ermordung Nemzows verlor die Opposition 2015 in Russland einen ihrer führenden Köpfe. Nemzow galt lange als einer der schärfsten Kritiker von Wladimir Putin. Als ehemaliger Fraktionschef der liberalen Partei Union der rechten Kräfte setzte er sich insbesondere für die Anliegen der Ukraine ein.

Am Abend des 27. Februar 2015 wurde Boris Nemzow auf offener Strasse erschossen. Der Mord ereignete sich mitten im Zentrum Moskaus, nur wenige Minuten vom Kreml entfernt. Nemzow wurde aus einem vorbeifahrenden Auto heraus mit mehreren Schüssen in den Rücken getötet.

Fünf Personen wurden im Zusammenhang mit der Ermordung angeklagt. Der Haupttäter Saur Dadajew erhielt eine Lagerhaftstrafe von 20 Jahren. Die Angeklagten sollen Auftragsmörder gewesen sein, denen ein Kopfgeld in Höhe von umgerechnet rund 220’000 Franken versprochen worden war. Als mutmasslicher Drahtzieher gilt der tschetschenische Ex-Offizier Ruslan Muchudinow. Dieser wurde bis heute nicht verurteilt.

Boris Beresowski

Beresowski war ein russischer Unternehmer, Oligarch und Politiker. Der Milliardär galt unter Jelzin als graue Eminenz des Kreml, fiel aber nach dem Amtsantritt Putins in Ungnade. 2003 erhielt er politisches Exil in England, wo er fortan lebte.

Am 23. März 2013 wurde er tot in seinem Haus in Südengland aufgefunden. Beresowski hat nach den Worten seines russischen Anwalts Alexander Dobrowinski Suizid begangen. Eine Untersuchung durch einen Gerichtsmediziner kam später jedoch zum Schluss, dass ein Tod durch Fremdeinwirkung nicht auszuschliessen sei.

Die russischen Behörden warfen Beresowski im Jahr davor Anstiftung zu «massiven Störungen» vor, nachdem er dazu aufgerufen habe, die Rückkehr Wladimir Putins in den Kreml zu verhindern. Beresowski hatte in einem offenen Brief denjenigen eine finanzielle Belohnung angeboten, die «den gefährlichen Kriminellen Putin stoppen».

Sergei Magnitski

Der ehemalige russische Wirtschaftsprüfer leitete 2007 eine behördliche Untersuchung, die illegale Steuerrückerstattungen zugunsten korrupter Beamter im russischen Innenministerium aufklären sollte. Geld floss unter anderem auch auf Schweizer Bankkonten. Kurze Zeit später wurde Magnitski jedoch selbst der Mittäterschaft zur Steuerhinterziehung beschuldigt.

Der Russe wurde im November 2008 verhaftet und starb ein Jahr später in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis. Die Todesursache ist bis heute ungeklärt. Dem 37-Jährigen wurde medizinische Hilfe verweigert, möglicherweise wurde er auch zu Tode geprügelt.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat Russland 2019 verurteilt, den Hinterbliebenen von Sergei Magnitski eine Entschädigung von rund 34’000 Franken zu zahlen. Russland habe mehrfach gegen Menschenrechte verstossen, so der EGMR.

Natalja Estemirowa

Natalja Estemirowa wurde am 15. Juli 2009 vor der Tür ihres Wohnhauses in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entführt. Wenige Stunden später wurde sie in der Nachbarrepublik Inguschetien erschossen aufgefunden.

Die 50-Jährige hatte die Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien geleitet. Mehrfach prangerte sie Entführungen und schwere Verbrechen in Russland und in der Kaukasusrepublik an, die als autonomes Gebiet zu Russland gehört.

Bis heute wurde niemand wegen des Mordes vor Gericht gestellt. Die russischen Ermittler machen den Islamisten Alchasur Baschajew für die Ermordung verantwortlich, doch wurde er bis heute nicht festgenommen. Verschiedene Beobachtende vermuten hinter der Tat den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow.

Alexander Litwinenko

Litwinenko war mehrfacher Geheimagent. Er war Oberst im sowjetischen Komitee für Staatssicherheit (KGB) und in der russischen Nachfolgeorganisation FSB. Er arbeitete für den spanischen Nachrichtendienst und den britischen Auslandsdienst MI6. Im Jahr 2000 begab er sich ins Londoner Exil und wurde zum öffentlichen Kritiker: Er verurteilte Putins Politik und machte Verstrickungen des russischen Geheimdiensts mit der organisierten Kriminalität öffentlich.

Nach einem Treffen mit russischen Geschäftsmännern in London am 1. November 2006 fühlte sich Litwinenko plötzlich schwer krank. Die Ärzte diagnostizierten später eine Vergiftung mit radioaktivem Polonium-210. Er wusste, dass er sterben wird – und dokumentierte seine letzten Tage für die Öffentlichkeit. Die Bilder des kahlen Litwinenko vom Krankenbett gingen um die Welt. Am 23. November 2006 stellten die Ärzte Litwinenkos Tod fest.

Fast zehn Jahre nach dem Giftanschlag kam eine britische Untersuchung 2016 zum Schluss, dass es Putin war, der den Mord «wahrscheinlich gebilligt» hat.

Anna Politkowskaja

Ihre investigativen Reportagen erhielten weltweit Anerkennung: Die amerikanisch-russische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin deckte Korruption in der russischen Regierung auf und sprach sich offen gegen den Krieg in Tschetschenien aus. Sie schrieb auch als Journalistin für die russische unabhängige Zeitung «Nowaja Gaseta».

Nachdem sie einige Zeit im Exil in Österreich verbracht hatte, kehrte sie 2002 nach Russland zurück. Am 7. Oktober 2006, dem Geburtstag von Wladimir Putin, wurde sie im Lift ihres Wohnhauses in Moskau erschossen aufgefunden.

Knapp acht Jahre nach der Ermordung hat das Moskauer Stadtgericht fünf Beteiligte zu Straflager verurteilt. Einer von ihnen, der frühere Polizist Sergei Chadschikurbanow, ist nun jedoch vorzeitig wieder in Freiheit. Er kämpfte 2022 in der Ukraine und wurde nach seinem Einsatz von Putin begnadigt. Wer den Mord in Auftrag gegeben hat, ist bis heute unklar.

Paul Klebnikov

Paul Klebnikov war ein US-amerikanischer Journalist und Chefredaktor sowie Herausgeber der russischen Ausgabe des «Forbes Magazine». Er spezialisierte sich auf die Aktivitäten verschiedener russischer Oligarchen und informierte über deren dubiosen Aufstieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Am 9. Juli 2004 wurde Klebnikov von unbekannten Tätern vor dem Verlagsgebäude des russischen «Forbes» in Moskau erschossen. Drei tschetschenische Verdächtige wurden danach wegen Mordes angeklagt und zunächst freigesprochen. Russlands oberster Gerichtshof verwarf später die Freisprüche, doch konnte der Aufenthaltsort von zwei der Verdächtigen nach ihrer vorangegangenen Freilassung nicht mehr ausfindig gemacht werden.

Einer der von Interpol gesuchten Männer wurde im November 2017 vom ukrainischen Geheimdienst festgenommen. Wer den Mord in Auftrag gegeben hat, ist bis heute unklar.

Sergei Juschenkow

Er galt in den frühen 2000er-Jahren als einer der schärfsten Kritiker des Tschetschenien-Krieges und der KGB-Nachfolgeorganisation FSB. Juschenkow war von 1993 bis 1994 Informationsminister in Russland, später Mitglied des Verteidigungsausschusses der Duma und Vorsitzender der Partei Liberales Russland. 2002 veröffentlichte er mit seiner Partei einen Film, in dem dem FSB eine Verwicklung in eine Serie von Bombenanschlägen in Moskauer Wohnhäusern im Jahr 1999 vorgeworfen wird. Wenig später leitete er zudem eine Kommission, die die Sprengstoffanschläge untersuchte.

Im April 2003 wurde er von Unbekannten vor seiner Moskauer Wohnung erschossen. Vier Personen wurden in einem umstrittenen Prozess wegen des Mordes an Sergei Juschenkow verurteilt. Der Auftraggeber des Mordes wurde jedoch – wie in den zahlreichen späteren Fällen – bis heute nicht ausfindig gemacht.

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