May 28, 2024

Ihre pädagogischen Überzeugungen sind umstritten: Rektorin Katharine Birbalsingh.

Seit 10 Jahren schaffen es ihre Gegner nicht, sie in die Knie zu zwingen. Nun könnte das ausgerechnet einer Schülerin gelingen. Katharine Birbalsingh, in ganz Grossbritannien bekannt als die «strengste Rektorin des Landes», wird von einer Muslimin verklagt, weil diese während der Pause nicht auf einem Teppich beten darf. Die Anhörungen fanden soeben statt.

Polit-Kommentatoren sehen im bald erwarteten Urteil nichts weniger als ein Fanal für die Zukunft eines multiethnischen Grossbritanniens. Manche erachten nur schon die Klage als Beweis dafür, dass säkulare Gesellschaften zunehmend von Religiösen unter Druck geraten, und fürchten um den sozialen Zusammenhalt. 

Viele begrüssen es aber auch, dass der Frau, die das britische Bildungssystem als «verrottet» und von «linker Ideologie kaputt gemacht» kritisiert, endlich die Knöpfe eingetan werden. Birbalsinghs pädagogische Überzeugungen sind umstritten, weil sie auf heute reaktionär klingenden Begriffen wie «Disziplin», «gutes Benehmen» und «Strafe» basieren. Das nimmt man ihr übel – und vermutlich noch mehr, dass sich dieses Konzept an ihrer 2014 gegründeten Schule augenscheinlich als Erfolg erwiesen hat.  

Nirgends sonst machen die Kinder so viele gute Abschlüsse

Tatsächlich ist die Michaela Community School ein Kuriosum innerhalb des britischen Bildungssystems, wo der schulische Erfolg von Kindern sehr von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängt. Birbalsingh hat die Michaela bewusst im Norden Londons angesiedelt, nahe dem Wembley-Stadion, wo viele Kinder aus benachteiligten, bildungsfernen Familien stammen, Migrationshintergrund haben und zum Teil von ihren alten Schulen geflogen sind. All diesen widrigen Umständen zum Trotz machen an der Michaela dann aber überdurchschnittlich viele Schülerinnen und Schüler die besten Abschlüsse des Landes – und schaffen es sogar an Elite-Unis wie Cambridge und St. Andrews. 

Besonders pikant: Unterrichtet werden die Kinder nicht von ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern. Birbalsingh hält diese für «von der modernen Pädagogik verdorben» und für zu wenig fordernd. An der Michaela sind ausschliesslich Studierte ohne Lehrer-Diplom tätig. Noch pikanter: Die nationale Aufsichtsorganisation stört das nicht, vielmehr hat sie Birbalsinghs Schule das Gütesiegel «ausserordentlich» verliehen. 

Blazer als Gebetsteppich

Jährlich strömen deshalb Hunderte Interessierte nach Wembley, um das Phänomen Michaela aus nächster Nähe zu bestaunen. Journalisten berichten danach regelmässig, keineswegs verschüchterte, sondern aufgeweckte, wissbegierige Kinder angetroffen zu haben, die stolz seien, an die Michaela zu gehen. Und dass unter den mittlerweile 700 Schülerinnen und Schülern ein friedliches Miteinander der verschiedensten Kulturen und Religionen herrsche. Die Verblüffung ist nicht zu überhören. 

Jetzt aber erhält die Harmonie Risse. 

Der Ärger begann im März 2023 während des Ramadans, als eine muslimische Schülerin ihren Blazer auf den Boden des Pausenplatzes ausbreitete und zu beten begann. Wenig später machten zwei Dutzend andere Kinder mit. Von den 700 Schülerinnen und Schülern an der Michaela sind mehr als die Hälfte muslimischen Glaubens, Kopftücher sind erlaubt, ansonsten gilt strikte religiöse Neutralität, was heisst: keine Ausnahmen für niemanden. 

Birbalsingh widersetzt sich damit dem Zeitgeist, also dem gesellschaftlichen Bemühen, allen möglichen Minderheiten und Randgruppen mit Sonderregelungen entgegenzukommen. Die 50-Jährige ist davon überzeugt, dass die viel bemühte Toleranz umgekehrt gelebt werden sollte: indem sich alle ein wenig zurücknehmen statt auf einer Extrawurst beharren, dem grossen Ganzen zuliebe. Deshalb gibt es über Mittag nur vegetarische Menüs.  

Es sei, sagt Birbalsingh, «die Klammer, die eine multikulturelle Gesellschaft zusammenhält», ohne Kompromisse und Pragmatismus von allen Seiten sei ein Zusammenleben unmöglich. Wie fragil das Gleichgewicht ist, auch dort, wo man sich noch so darum bemüht, machte der Streit über das Gebet deutlich: Er brachte die Stimmung an der Schule zum Kippen. Muslimische Kinder wurden unter Druck gesetzt, sie sollten ebenfalls beten und die Mädchen Kopftuch tragen, es kam zu Drohungen und Angriffen gegen Lehrpersonen, es flogen Gegenstände gegen das Schulgebäude. Auf einmal herrschte ein Klima der Angst. 

Redeverbot auf den Gängen und keine Spiegel in den Toiletten

Die Rektorin knickte nicht etwa ein, sondern griff durch und erliess ein Bet-Verbot. Darauf klagte die Schülerin wegen Diskriminierung. Sie wurde später vorübergehend suspendiert, weil sie gedroht hatte, eine Kollegin mit einem Messer zu verletzen. Vor allem aber scheint ihr Vorwurf deshalb erstaunlich, weil in Grossbritannien die Erziehungsberechtigten die Schulen ihrer Kinder selbst auswählen, die Eltern des Mädchens also wussten, worauf sie sich mit der Wahl der Michaela einliessen. 

Und die ist genauso bekannt für ihre strenge säkulare Haltung wie für ihre strengen Regeln, zum Beispiel die  Verbote von Make-up, sichtbaren Markennamen und Handys. Und: Jeder Verstoss hat Folgen. Die Strafe besteht jeweils darin, einen ganzen Tag alleine in einem Zimmer mit Lernen verbringen zu müssen. Dafür reicht es nur schon, ohne die richtigen Stifte oder eine Minute zu spät im Unterricht zu erscheinen. Oder in den Pausen auf den Gängen zu schwatzen – es gilt ein Redeverbot. Dort herumzutollen, kommt schon gar nicht infrage, die Kinder haben sich schweigend und in geordneten Reihen zu bewegen. Die Gänge sind mit einem dicken schwarzen Strich richtungsgetrennt. Genauso gewöhnungsbedürftig: dass es auf den Toiletten keine Spiegel gibt, damit die Schülerinnen und Schüler nicht eine Sekunde von Birbalsinghs Mission «Education first» abgehalten werden. 

Sie wurde von der Marxistin zur Tory

Bildungsfachleute werfen der 50-Jährigen vor, angesichts von so viel Zucht und Ordnung bleibe die Kreativität auf der Strecke. Zudem sollten Kinder doch heutzutage nicht mehr roboterhaft auswendig lernen, sondern vor allem Zusammenhänge verstehen. Und überhaupt: Der Frontalunterricht, von dem Birbalsingh überzeugt ist, sei völlig veraltet. Es kümmert sie nicht. Seit 14 Jahren ist sie ein rotes Tuch für viele Berufskolleginnen und Bildungspolitiker, zumindest jene von Labour. 2010 hatte sie, die einstige Marxistin und spätere überzeugte Linke, das Lager gewechselt und an einer Tory-Veranstaltung ihrem Frust und ihrer Wut über das britische Bildungssystem freien Lauf gelassen. 

Frisch von Oxford kommend, arbeitete sie als Lehrerin und war schockiert ob der Zustände, die sie an den Schulen antraf: Lehrpersonen, die längst resigniert hatten und sich vor gewalttätigen Schülern fürchteten, mangelnder Respekt und Drohungen waren das eine. Das andere, dass sie das schulische Niveau schlicht als katastrophal empfand, was in ihren Augen besonders den benachteiligten Kindern schade. 

Den Job verloren, weil sie Kritik übte

Das System, so Birbalsinghs Hauptvorwurf, lasse mit seiner Laisser-faire-Haltung ausgerechnet jene im Stich, die Bildung besonders nötig hätten, um vielleicht irgendwann einmal gesellschaftlich aufsteigen zu können. Ihre Brandrede kostete sie den Job, vier Jahre später eröffnete sie die Michaela und hat seither nicht vor, leiser zu werden. Sie geisselt «die herrschende Entschuldigungs-Kultur», die schwarzen und muslimischen Kindern beibringe, Opfer der Gesellschaft zu sein, anstatt sie darin zu bestärken, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. «Es bringt benachteiligten Kindern herzlich wenig, wenn sie dauernd von ‹white supremacy› hören, am Ende der Schulzeit aber nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können», sagte sie im letzten Juni, und ihre Gegner kochten einmal mehr.

In ihrer Konsequenz und ihrer Unbeugsamkeit erinnert Birbalsingh an Amy Chua, die 2011 als Tiger Mom für Furore sorgte und ebenfalls Tochter einer Migrantenfamilie ist. In ihrem Buch beschrieb die Harvard-Professorin, wie sie ihre Kinder gnadenlos zu Höchstleistungen antrieb, und erklärt das westliche Erziehungsmodell als kontraproduktiv, da es Kinder ständig lobe, anstatt ihnen Biss und Frustrationstoleranz beizubringen. Das Buch, das Birbalsingh 2016 veröffentlichte, hiess «Tiger Teachers».  

Pünktlichkeit als Lebensschule

Dass man ihr Strenge vorwirft, findet sie grotesk. Zunächst einmal stehe sie für eine «liebevolle Strenge». Und in der «Times» sagte sie: «Streng zu sein, bedeutet schlicht, die Standards hochzuhalten.» Längerfristig käme es den Kindern zugute, wenn sie auch für scheinbar kleine Fehler bestraft würden und deswegen Nachsitzen müssten –  wenn die Lehrerinnen und Lehrer diese Dinge schleifen liessen, würden gerade benachteiligte Kinder immer weiter zurückfallen. Wenn sie lernten, dass es wichtig sei, pünktlich zu sein, sich anständig zu kleiden und vorbereitet zu einem Termin zu erscheinen, nütze ihnen das fürs ganze Leben.  

Das Urteil erwarte sie nervös, sagte sie dem britischen Radio, aber sie habe Hoffnung, dass das Gericht zu ihren Gunsten entscheide. Mit ihr hofften viele Eltern und Kinder, dass die Michaela ein Ort bleibt, wo es keine Einteilung nach Ethnie oder nach Religion gibt.

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