May 28, 2024

Bild der Zerstörung: Blick auf Awdijiwka nach der russischen Eroberung des Stadtteils am 19. Februar.

Als nichts mehr ging in Awdijiwka, als nach zehn Jahren Kampf die Umzingelung der ukrainischen Truppen drohte, schickte Kiew die 3. Sturmbrigade. Sie kämpften gegen das Zehnfache an Truppen und Artillerie und gegen Drohnen, die sogar bei Nacht fliegen. Wasser und Essen fehlten bald. Die Munition für ihre Kalaschnikows nahmen sie getöteten russischen Soldaten ab. Rund um die Uhr kamen die Angriffe, von allen Seiten. «Die Russen wollten ein zweites Mariupol», sagt ein Gruppenführer mit dem Kampfnamen Makar.

Die 3. Sturmbrigade ist einer der kampfstärksten Verbände der Ukraine, sie besteht ausschliesslich aus Freiwilligen, darunter viele Asow-Kämpfer, die zu Beginn des Kriegs Mariupol monatelang gehalten hatten. Awdijiwka im Donbass in der Nähe des russisch besetzten Donezk ist seit Jahren umkämpft. Vor einer Woche mussten die ukrainischen Truppen die inzwischen völlig zerstörte Stadt aufgeben. Der überstürzte Rückzug hatte viel Kritik hervorgerufen. Bis zu 1000 Soldaten sollen in russische Kriegsgefangenschaft geraten sein. Die 3. Sturmbrigade war erst Anfang Februar nach Awdijiwka geschickt worden. Hätte man sie eher schicken müssen? «Hätte oder nicht – für solche Fragen sind wir nicht zuständig», sagt Makar.

Infernalischer Häuserkampf

Nach dem Einsatz in Awdijiwka logiert nun ein Teil der 3. Sturmbrigade in einem Haus im Donbass. In der Garage lagern Waffen wie eine britische Panzerabwehrrakete, Tarnnetze. Auch ein Eimer Krautsalat. Neun Tage hielt die Einheit den Korridor im Norden der Stadt offen, trotz grösster Schwierigkeiten: «Die russischen Drohneneinheiten operierten von einer Anhöhe, unsere Soldaten lagen tiefer», berichtet Makar: «Unsere Einheit ist gut ausgerüstet, aber selbst wir waren manchmal fünf oder sechs Stunden von jeder Kommunikation abgeschnitten.» Diese Information deckt sich mit den Berichten von anderen Einheiten, die auf sich allein gestellt waren. Einige haben nicht einmal vom Rückzug gewusst, heisst es.

«Die Russen wollten ein zweites Mariupol»: Gruppenführer Makar.

Ähnlich wie Bachmut, das vor einem Jahr trotz des Einsatzes der 3. Sturmbrigade an die russische Armee gefallen war, wurde auch Awdijiwka Schauplatz eines infernalischen Häuserkampfes. Für den 19-jährigen «Suptschik», Süppchen, war es der erste Einsatz. Er habe vier russische Angreifer ausgetrickst, indem er sie mit ihrem eigenen Passwort aus der Deckung gelockt und einen nach dem anderen getötet habe. Beeindruckt berichtet er, dass der Letzte, obwohl am Kopf getroffen, weiterrannte. Sein Fazit passt zum makabren Humor der Brigade: «Krieg ist wie das Videospiel ‹Call of Duty›, nur ohne Zwischenspeichern.»

«Gefangenschaft ist schlimmer als Tod»

Dass in Awdijiwka vor allem der Einsatz besonders vieler russischer Soldaten zum Sieg geführt habe, wollen die Männer nicht bestätigen. «Sie planen die verschiedenen Angriffsphasen sehr genau: Die erste Welle ist Kanonenfutter, dann kommen die Spezialeinheiten, dann Drohnen, dann die Flugzeuge, danach wieder Spezialeinheiten», sagt Makar.

Die 3. Sturmbrigade war eine der letzten, die sich aus der zerstörten Stadt zurückzog. Aus ihrer Einheit sei kein Verletzter zurückgelassen worden, niemand in Kriegsgefangenschaft geraten. Über andere Einheiten könne man nichts sagen. Nur so viel: «Gefangenschaft ist schlimmer als Tod», sagt Suptschik: «Sie zerstören dich physisch und moralisch, bis nichts mehr von dir übrig ist.»

Nach dem Rückzug logiert ein Teil der 3. Sturmbrigade im Donbass. In einer Garage lagern Waffen, Tarnnetze – und ein Eimer Krautsalat.

Die Eroberung Awdijiwkas ist der erste Erfolg der russischen Armee seit neun Monaten. Weitere könnten bald folgen. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sagte nach einem Besuch an der Front bei Kupjansk Anfang dieser Woche, die russischen Streitkräfte versuchten, die aktuelle Lage auszunutzen, und hätten an manchen Frontabschnitten grosse Reserven zusammengezogen. Droht der Ukraine die nächste Niederlage oder sogar ein russischer Frontdurchbruch?

Russische Truppen im Gegenangriff

«Es sind auf jeden Fall Soldaten zurückgelassen worden und in Gefangenschaft geraten», sagt auch der Sicherheitspolitikexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München über die Nachrichten aus Awdijiwka. «Und wenn man den entsprechenden Videos Glauben schenkt, dann sind auch ukrainische Kriegsgefangene von russischen Soldaten exekutiert worden.» Beweise dafür, dass eine grosse Zahl ukrainischer Soldaten gefangen genommen wurde, gibt es bislang nicht. Die Niederlage bei Awdijiwka könnte aber trotzdem grösser gewesen sein, als es zunächst den Anschein hatte.

Auch im Süden der Front, wo im Ergebnis der lange angekündigten ukrainischen Gegenoffensive im Sommer lediglich die Befreiung des völlig zerstörten Dorfs Robotyne gelang, sollen russische Truppen inzwischen zum Gegenangriff übergehen.

Vor und nach dem russischen Angriff: Ein Vorort von Awdijiwka.

«Das Aufbrechen der Landbrücke ist offenkundig gescheitert», sagt Sauer über die Lage an diesem Frontabschnitt. Eigentlich wollte die ukrainische Armee bis zu den Städten Tokmak und Melitopol vorstossen, um dadurch die russischen Versorgungslinien in die Region Cherson zu unterbrechen und den Druck auf die besetzte Halbinsel Krim zu erhöhen. Wegen riesiger Minenfelder, der tief gestaffelten russischen Verteidigungslinien und Problemen bei der elektronischen Kriegsführung, also der Abwehr von Drohnen und anderen Störaktionen, ist das nicht im Ansatz gelungen.

Erfolg im Schwarzen Meer

«Es ist aber auch nicht alles schlecht gelaufen», gibt Sauer zu bedenken, «wenn man sich den neuen Getreidekorridor im Schwarzen Meer und die Bekämpfung der russischen Marine ansieht.» Mit schwimmenden Drohnen hat die ukrainische Armee mehrere russische Kriegsschiffe versenkt. Ein Grossteil der russischen Marine musste sich aus dem westlichen Teil des Schwarzen Meeres zurückziehen. Dafür konnte die Ukraine auch ohne eine Vereinbarung mit Russland den Export von Getreide und anderen Gütern über den Seeweg wieder aufnehmen. «Der Getreideexport ist extrem wichtig, weil die Ukraine auch als Volkswirtschaft noch halbwegs funktionieren muss», sagt Sauer. «Deshalb haben die Erfolge im Schwarzen Meer eine grosse Bedeutung, auch wenn es den Soldaten in Awdijiwka nicht direkt hilft.»

In der Region Cherson gelang der ukrainischen Armee im vergangenen Jahr ebenfalls eine spektakuläre Aktion: Sie setzte Truppen über den breiten Fluss Dnjepr auf das andere Ufer über und errichtete in dem Dorf Krynky einen Brückenkopf.

Ein Erfolg, aus dem sich bisher keine weiteren Rückeroberungen ergaben. «Das Gelände dort soll extrem schwierig sein. Der Brückenkopf ist für die Ukraine eine heikle Angelegenheit», sagt Sauer. «Die fristen da kein schönes Dasein. Um im grösseren Massstab etwas zu erreichen, müssten sie Gerät über den Fluss bringen. Das ist aber nicht drin.» Panzer und andere Fahrzeuge über Gewässer zu transportieren, ist sehr riskant. Die russische Armee hatte bei vergleichbaren Überquerungen bereits schwere Verluste erlitten. Ein Risiko, das die Ukrainer, die bei ihren Verbündeten um jeden Kampfpanzer betteln müssen, wohl nicht eingehen wollen.

Mangel an Munition macht sich überall bemerkbar

Dazu kommt: Als die ukrainische Armee Ende 2022 die Region Cherson bis zum Dnjepr befreite, war sie in einem anderen Zustand als jetzt. «Es war ein extrem zäher, brutaler und verlustreicher Kampf, bis dorthin vorzurücken», sagt Sauer, «damals hatte man auch die Leute und die Munition. Jetzt ist das eine andere Situation.» Der Mangel an Munition und Soldaten macht sich an jedem Frontabschnitt bemerkbar. Bislang gibt es keine Belege dafür, aber seit ein paar Tagen behauptet das russische Oberkommando, Krynky zurückerobert zu haben.

Auch im Norden der Front haben die russischen Streitkräfte in den vergangenen Wochen den Druck stark erhöht, wie auch Selenski nach seinem Besuch in Kupjansk klarmachte. Laut dem Institute for the Study of War in Washington ist das Ziel der russischen Armee dort, bis zum Fluss Oskil vorzudringen.

Gelingt das, würden einerseits ukrainische Gegenangriffe in dieser Region stark erschwert. Gleichzeitig hätten sich die russischen Truppen in eine wesentlich vorteilhaftere Position gebracht. Es ist nicht sicher, ob die russische Armee, die in dieser Gegend derzeit an mehreren Orten gleichzeitig versucht vorzurücken, den Oskil erreichen wird. «Aber es ist klar, dass die Ukraine in diesem Jahr in die Verteidigung gehen muss», sagt Sauer. «Man kann nur hoffen, dass auf russischer Seite manches kulminiert. Ich bin mir nicht sicher, wie lange sie diesen Druck aufrechterhalten können, denn die Verluste sind massiv.» Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass der Druck der russischen Armee nachlässt, eher im Gegenteil. «Es gibt Worst-Case-Szenarien, die in den letzten Wochen wahrscheinlicher geworden sind», sagt Sauer.

Ganz auszuschliessen ist eine Niederlage nicht

So kursierte bei der Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende das Szenario eines russischen Durchbruchs an der Front, der im schlimmsten Fall dazu führen könnte, dass die russische Armee wieder bis zum Dnjepr vorrückt – also etwa die halbe Ukraine einnimmt.

Für eine solche Entwicklung gibt es derzeit keine konkreten Hinweise. Dass solche Szenarien auf der wichtigsten internationalen Konferenz für Sicherheitspolitik diskutiert werden, zeigt aber: Ganz auszuschliessen ist eine solche dramatische Niederlage der ukrainischen Armee in der aktuellen Situation auch nicht.

Offensichtlich muss die Ukraine nun ihre Verteidigungslinien ausbauen und möglichst schnell Artilleriemunition erhalten. «Entscheidend sein wird die Frage nach Technologie», die den Stellungskrieg kräfteschonend ermögliche und der Ukraine eines Tages auch wieder den Übergang in einen Bewegungskrieg erlaube, sagt Sauer. Erst dann wäre die Befreiung weiterer Gebiete möglich. Die ukrainischen Streitkräfte müssten einen Weg finden, mit den riesigen Minenfeldern umzugehen, und sie müssten in der elektronischen Kriegsführung die Überlegenheit der russischen Armee ausgleichen. Wie das gehen soll, ist derzeit aber völlig unklar. Erst recht, wenn es bislang nicht einmal genug Munition für die in diesem Krieg so wichtige Artillerie gibt. Sauer: «Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es eines Tages kein Vor und kein Zurück mehr gibt.»

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