April 24, 2024

Ein ukrainischer Soldat inspiziert nach einem Luftangriff am Montag die Schäden an einem Gebäude im zentral gelegenen Kiewer Stadtteil Rajon Petschersk.

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Die Ukraine befindet sich seit vergangenem Freitag unter verstärktem Beschuss durch die russischen Luftstreitkräfte: Beinahe ununterbrochen gibt die ukrainische Luftwaffe auf Telegram Raketenwarnungen an die Bevölkerung aus. Die Behörden sprechen von dem «umfangreichsten Angriff auf die ukrainische Energieinfrastruktur» seit Beginn des Kriegs.

In verschiedenen Teilen des Landes kam es zu Schäden, Toten und Verletzten. Am Montagabend wurde die südukrainische Hafenstadt Odessa von einer Rakete getroffen, wie die regionale Militärverwaltung mitteilte. Später wurde gemeldet, dass in der Stadt der Strom für insgesamt 300’000 Menschen ausgefallen sei. Mindestens vier Personen seien verletzt worden. Bei Angriffen auf Charkiw starben am vergangenen Mittwochabend mindestens fünf Menschen nach einem Raketeneinschlag in einem Industriegebiet.

Angriffe auf die Hauptstadt

Auch Kiew wurde Ziel von russischen Attacken. Die Hauptstadt ist am Donnerstagmorgen erstmals seit 44 Tagen unter schweren russischen Beschuss geraten. Gemäss Angaben des Kommandanten der ukrainischen Luftwaffe, Mikola Oleschtschuk, wurden alle 31 russischen Raketen – darunter zwei ballistische Raketen und 29 Marschflugkörper – abgeschossen. Von den herabfallenden Raketentrümmerteilen wurden jedoch mindestens zehn Personen verletzt. Bei weiteren Angriffen auf Kiew am Dienstag wurden nach Angaben der Behörden ebenfalls mindestens zehn Personen verletzt.

Verschiedene ukrainische Zeitungen berichten, dass bei den Attacken vom Mittwoch der Raketenalarm zu spät ausgelöst worden sei. Die Lehrerin Olexandra Kirilowa berichtete gegenüber der ukrainischen Zeitung «Kyiv Independent», dass ihre Schule kurz nach dem ersten Alarm von herabfallenden Raketentrümmerteilen getroffen worden sei. «Ich gehe immer in den Luftschutzkeller, wenn die Luftschutzsirene ertönt. Aber heute konnte das niemand», sagte Kirilowa. Eine Lehrperson sei bei dem Angriff verschüttet worden und habe hospitalisiert werden müssen.

Infrastruktur im Visier

Bei den jüngsten Attacken scheint es Russland insbesondere auf zivile Infrastruktur abgesehen zu haben. Am 22. März waren fast 1,5 Millionen Menschen in der Ukraine ohne Strom. Rund 700’000 der betroffenen Menschen waren Einwohner von Charkiw. Nach Angaben der Behörden zerstörte der Raketen- und Drohnenangriff ein Wärmekraftwerk und alle elektrischen Umspannwerke in der Stadt.

Am Montag suchten Menschen im Kiewer Untergrund Schutz vor den russischen Angriffen.

In der ganzen Stadt sei man damit beschäftigt, die Schäden zu beheben, teilte der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, am Dienstag mit. «Obwohl dies teilweise gelungen ist, ist der Strommangel immer noch spürbar.»

Als Massnahme gegen den Mangel hat die Stadt nun entschieden, das zentrale Heizungssystem der Stadt vorzeitig abzuschalten. «Dies wird es uns ermöglichen, die maximale Anzahl von Verbrauchern mit Strom zu versorgen und die Häuser der Einwohner von Charkiw mit heissem Wasser zu versorgen», sagte Terechow. Derzeit herrschen Temperaturen von etwa 13 Grad, mit Tiefsttemperaturen von etwa 5 Grad in der Nacht. Normalerweise werde die Heizung erst im April abgeschaltet, wenn die Temperaturen stiegen.

Wieso versagt die Abwehr gerade jetzt?

Wie das in Washington ansässige Institut für Kriegsstudien (ISW) schreibt, zielen die jüngsten Angriffe wohl darauf ab, «die Kapazitäten der ukrainischen Verteidigungsindustrie» zu schwächen. Die russischen Angriffe könnten auch die russischen Bemühungen unterstützen, interne Instabilität in der Ukraine zu säen, heisst es in dem neuen Bericht: «Der Kreml versucht, das nationale und internationale Vertrauen in die ukrainische Regierung zu schwächen.»

Russland hat seit seiner Invasion vor zwei Jahren mehr als 8000 Raketen und 4630 Drohnen auf Ziele in der Ukraine abgefeuert, wie der ukrainische Luftwaffensprecher Juri Ihnat am Donnerstag sagte. In den vergangenen Monaten hat es die Ukraine geschafft, viele dieser Raketen und Drohnen abzufangen – unter anderem dank Luftabwehrsystemen aus dem Westen. Zahlreiche Schäden und Tote konnten so verhindert werden.

Dass es nun zu grösseren Schäden und Stromausfällen im ganzen Land gekommen ist, hat laut Fabian Hoffmann, Sicherheitsexperte und Nuklearforscher an der Universität Oslo, mehrere Gründe. Im Podcast «Euro Resilience» nannte er unter anderem die erhöhte Intensität der Angriffe. «Das ist eine herausfordernde Form der Attacke», so Hoffmann. Ausserdem könnte es sein, dass Russland es geschafft hat, sich der ukrainischen Luftverteidigung anzupassen und diese zu durchbrechen – mit elektronischer Kriegsführung.

Hoffmann verweist darauf, dass die Luftverteidigungssysteme der Ukraine langsam «erschöpft» seien. Im US-Kongress ist seit Monaten ein 60-Milliarden-Hilfspaket blockiert. Westliche Regierungskreise haben schon vor Wochen davor gewarnt, dass die ukrainischen Vorräte für die Luftverteidigung noch diesen Monat enden könnten. Auch das ISW schreibt, dass Russland den «Mangel an ukrainischen Luftabwehrraketen» ausnutze, um etwa das ukrainische Energienetz zum Zusammenbruch zu bringen.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski betonte jüngst in einer Ansprache die stockenden Waffenlieferungen aus dem Westen. Es sei wichtig, dass der Westen die Kosten von Verzögerungen und aufgeschobenen Entscheidungen verstehe: «Bei russischen Raketen gibt es keine Verzögerungen wie bei Hilfspaketen für unser Land.»

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