February 25, 2024

Grosse Ehre: Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner, wird mit dem Karlspreis ausgezeichnet.

«Die meisten, die bleiben, schweigen», sagte der ehemalige Oberrabbiner von Moskau im vergangenen Jahr in einem Interview. «Alles andere wäre zu gefährlich.» Pinchas Goldschmidt selbst hat sich schon 2022 entschieden, aus der russischen Hauptstadt zu fliehen und seine Ablehnung des Angriffskriegs auf die Ukraine von anderswo aus kundzutun. Denn schweigen, das wollte er nicht.

Die russischen Behörden führen Goldschmidt mittlerweile als «ausländischen Agenten», der Gemeinde in Moskau steht mittlerweile ein anderer vor – doch Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner ist der 1963 in Zürich geborene Geistliche nach wie vor. Und wird in diesem Jahr geehrt: Der Internationale Karlspreis zu Aachen, eine der wichtigsten europäischen Auszeichnungen, geht 2024 an Pinchas Goldschmidt und die jüdischen Gemeinschaften in Deutschland.

Damit wolle man «das Signal setzen, dass jüdisches Leben selbstverständlich zu Europa gehört und in Europa kein Platz für Antisemitismus sein darf», teilte das Karlspreis-Direktorium am Freitag in Aachen mit. Jüdisches Leben sei «ein wichtiger Teil der europäischen Geschichte und Gegenwart – jetzt und in Zukunft».

Eine Zukunft in Russland? Sieht Goldschmidt für jüdische Gemeinden derzeit nicht

Die Aussichten seiner früheren Gemeinde in Moskau, deren mühevollen Aufbau nach der Ära des Kommunismus Goldschmidt 33 Jahre lang begleitete, schätzte der Rabbiner im SZ-Gespräch wegen des Abbruchs vieler Kontakte aufgrund des Ukrainekriegs eher trübe ein: 70 Jahre Isolation während der Sowjetzeit hätten der Glaubensgemeinschaft sehr geschadet, «und die grosse Angst ist, dass der neue Eiserne Vorhang diese Isolation wiederherstellt». Deshalb und wegen des aus seiner Sicht in Russland ansteigenden Antisemitismus rief Goldschmidt die Gemeindemitglieder zur Flucht auf.

In Zeiten, in denen Intoleranz und Lagerdenken infolge der Hamas-Massaker vom 7. Oktober und des Krieges in Nahost erschreckende Züge annehmen, würdigte das Karlspreis-Direktorium vor allem Goldschmidts Engagement für den interreligiösen Dialog. 2015 agierte er als Mitgründer des «Muslim Jewish Leadership Council», einem jüdisch-muslimischen Expertenrat mit Sitz in Amsterdam, der sich für den Erhalt von Religionsfreiheit und religiösem Frieden einsetzt und mehr Dialog zwischen Europas etwa 1,5 Millionen Juden und den mehr als 40 Millionen Muslimen fördern will.

Heute lebt Goldschmidt, der Vater von sieben Kindern ist, in Jerusalem, dem ersten Ziel nach seiner Flucht 2022 – und in München. Dorthin hatte die Konferenz der Europäischen Rabbiner im September 2023 ihren Hauptsitz verlegt, nach 67 Jahren in London.

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