April 24, 2024

Explosionen gehören zum Alltag der Menschen in Charkiw, die Russen greifen unvermindert an.

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Alla Schukowka hatte ihr Frühstück beendet und war auf dem Weg ins Dorfzentrum, als vor ihrem Gartenzaun eine russische Granate einschlug. Die Wucht der Explosion verwandelte die Wellblechteile des Zauns in kleine Metallsplitter und liess ihre Fensterscheiben zersplittern. Sie hat Glück im Unglück. Und nicht einmal zwei Stunden nach der Explosion sind Helfer der Bürgergruppe Proliska aus der eine Autostunde entfernten Stadt Charkiw zur Stelle und nageln Pressspanplatten vor ihre zersplitterten Fenster.

«Neue Scheiben einzusetzen, ist sinnlos – die fliegen beim nächsten Beschuss nur wieder in Stücke», sagt ein Helfer zu der 58 Jahre alten Dame. «Und was ist mit meinem Gartenzaun?», fragt sie und zeigt auf ihren Garten. Der Mann fasst sie sanft am Arm und sagt: «Mit dem Zaun müssen wir warten – bis zum Sieg!»

Alla Schukowka in ihrem Garten.

Ein ukrainischer Sieg aber ist auch in Schukowkas Dorf in weiter Ferne. Und gerade hier, im Osten der Ukraine, sind die russischen Angreifer an mehreren Stellen auf dem Vormarsch: vor allem, weil den Verteidigern Munition und Männer fehlen. Kosatscha Lopan ist ein verschlafenes Dorf an der Eisenbahnlinie, die früher vom russischen Belgorod nach Charkiw führte, mit einer Handvoll Strassen und teils noch zu Zeiten des Zaren gebauten einstöckigen Häusern, Gemüsegärten und einem Dorfzentrum mit Krankenhaus.

Verschlafenes Dorf an der Eisenbahnlinie: Kosatscha Lopan.

Der Ort liegt nur zwei Kilometer von Russland entfernt und wurde nach Beginn der Invasion von den Russen besetzt. Im September 2022 aber gingen die Ukrainer in die Gegenoffensive und befreiten die besetzten Gebiete in der Region Charkiw. «Gewiss, es ist schrecklich hier mit dem ständigen Beschuss», sagt Schukowka. «Aber ich will mein Haus mit meinem Garten, dem Hund und der Katze nicht im Stich lassen.» Bis zum russischen Überfall arbeitete sie in einer Konditorei in Charkiw, doch der Bahnhof ist geschlossen, der Zug nach Charkiw fährt nicht mehr.

Von früher knapp 5000 Einwohnern sind noch 1500 im Dorf, schätzt Tatjana Dowbi, ehrenamtliche Helferin der Dorfverwaltung. Alla Schukowkas Sohn Serhij Makaschow ist mit seiner Frau Katja und den drei Kindern geflohen und lebt in Hamburg.

Charkiw selbst ist in jener Nacht wie andere ukrainische Grossstädte von russischen Marschflugkörpern und Bomben getroffen worden. Hunderttausende blieben tagelang ohne Strom, Bürgermeister Ihor Terechow musste trotz Temperaturen knapp über null Grad das vorzeitige Ende der Heizsaison beschliessen. Auch Alla Schukowka in Kosatscha Lopan hat an diesem Tag weder Strom noch Heizung.

«Für wen bereitet Putin eine solche Bombe vor?»

Seit einigen Monaten setzen die Russen in der Ostukraine bis zu 1,5 Tonnen schwere Fliegerbomben aus Sowjetzeiten ein, die mit Stummelflügeln modernisiert wurden. Sie werden von russischen Jagdbombern in sicherer Entfernung zur ukrainischen Luftabwehr abgeworfen, gleiten zu Dutzende Kilometer entfernten Zielen, wo sie explodieren.

Auch die Region Charkiw wird zusehends mit Fliegerbomben angegriffen, von denen Russland jetzt sogar eine drei Tonnen schwere Variante herstellen will. Die 71 Jahre alte Raissa Bogulanitz hat in Kosatscha Lopan davon gehört. «Für wen bereitet Putin eine solche Bombe vor? Für Omas wie mich? Putin ist ein zweiter Stalin. Möge er schnell vom Antlitz der Erde verschwinden!»

Alexander Stenjuk wohnt im Zentrum des Ortes. Früher konnte der Krankenpfleger über die Strasse zur Arbeit ins Krankenhaus gehen, doch beide einstöckigen Flügel des Krankenhauses sind nach russischen Treffern nur noch Ruinen. Zwei Nächte vor dem Besuch des Reporters in Kosatscha Lopan reisst eine russische Fliegerbombe in ihre Strasse ein drei Meter breites Loch. Ein verletzter Nachbar rettet sich blutend und schreiend zu ihm; der Krankenpfleger verbindet ihn notdürftig. Stenjuk kommt mit zersprungenen Fensterscheiben und einem durchlöcherten Dach davon.

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Er will mit seiner Frau Tamara Schepliwa im Dorf bleiben. «Wohin sollen wir schon gehen?», fragt sie. «Wir haben weder Geld noch einen anderen Ort, an den wir gehen könnten.»

Vier Kilometer vor der Stadt stehen die feindlichen Truppen

Proukrainische Einheiten von Russen haben von der Grenzregion zu Russland im März Angriffe auf russische Ziele hinter der Grenze gestartet, die Stadt Belgorod ist Ziel ukrainischer Artillerie- und Drohnenangriffe. Russlands Präsident Wladimir Putin wiederum schloss am 18. März eine neue russische Offensive im Osten der Ukraine nicht aus, um Charkiw dauerhaft zu besetzen. Der russische Infodienst «Wjorstka» («Werstka») berichtete am 22. März unter Berufung auf eine Kremlquelle, es würden Pläne für eine Einkreisung Charkiws entworfen.

Gemäss Oleh Sinjehubow, dem Militärgouverneur der Region Charkiw, liegt der kritischste Frontabschnitt bei der Kleinstadt Kupjansk, 118 Kilometer südöstlich von Charkiw. Es ist ein später Märztag, Kupjansk erlebt einen prächtigen Vorfrühlingsmorgen, an dem Sonnenschein und Vogelgezwitscher im seltsamen Kontrast zum Lärm der Bomben stehen.

Olena Didenko von der Stadtverwaltung empfängt die Proliska-Helfer, die in Kosatscha Lopan halfen und auch in Kupjansk Baumaterial verteilen. 60 Prozent aller Häuser in der Stadt seien beschädigt oder zerstört worden, schätzt die Beamtin. Von den früher knapp 27’000 Einwohnern harrten rund 5000 in der Stadt aus.

In Kupjansk sind 60 Prozent der Häuser beschädigt.

Didenko zeigt auf einen vier Kilometer entfernten Waldstreifen östlich der Stadt, wo Rauch aufsteigt. «Da stehen die Russen!» Und die ukrainische Armee, an der sich die Russen hier seit rund einem Dreivierteljahr die Zähne ausbeissen. Doch den Ukrainern gehen die Granaten aus, schon jetzt haben die Russen Kiew zufolge eine Überlegenheit von 7:1. Und so bereiten sich die Ukrainer darauf vor, dass die Region wieder von den Russen überrollt werden könnte.

Der Gouverneur befahl die Zwangsevakuierung

Militärgouverneur Sinjehubow befahl Mitte März die Zwangsevakuierung von 40 frontnahen Dörfern allein vor Kupjansk. Doch in Kosatscha Lopan oder den Dörfern vor Kupjansk gilt: Höchstens ein gutes Drittel der Einwohner will gehen, wie Sinjehubow dieser Redaktion bestätigt. Letztes Mittel ist die Zwangsräumung durch die Polizei.

Etliche Ukrainer im Osten fühlen sich nach jahrzehntelanger Moskauer Propaganda gegen das angebliche «Regime in Kiew» eher Moskau verbunden als Kiew. Dem 63 Jahre alten Alexander Kondratjenko hat in Kupjansk die Explosion einer russischen Granate einige Tage zuvor Dach und Fenster beschädigt. Kondratjenko blieb im Frühjahr und Sommer 2022 auch unter russischer Besatzung in der Stadt. «Ich habe keinerlei Druck durch die Russen gespürt», sagt er. «Das Leben ging weiter, der Lohn wurde gezahlt.»

Ihn scheinen Autos des ukrainischen Militärs mehr aufzuregen, die im Städtchen parkieren und «dazu führen, dass wir alle noch mehr bombardiert werden». Ein böses Wort über den russischen Angriff ist ihm nicht zu entlocken, stattdessen «sollen sie sich alle zum Teufel scheren mit ihren politischen Spielen, sich einigen und uns in Ruhe leben lassen».

«Wenn ich gesund werde, will ich zurück nach Kupjansk»

Der 56 Jahre alte Busfahrer Alexander Lobas ist ebenfalls in Kupjansk geblieben – selbst als ihn seine in der vergleichsweise sicheren Kleinstadt Losowa lebende Tochter Julia anflehte, zu ihr zu kommen. Statt 40 Busfahrer sind nur noch fünf in der Stadt, darunter Lobas. «Mein Platz ist in Kupjansk, meine Aufgabe ist, die in Sicherheit zu bringen, die weggehen wollen», sagte Lobas seiner Tochter.

Alexander Lobas trifft bei seiner Tochter Julia Schara ein.

Am 10. März schlägt in der Nähe seines Hauses eine russische Granate ein, ungefähr das zehnte Mal in diesem Krieg, so schätzt er. Granatsplitter beschädigen das Dach. Lobas steigt hinauf, um es zu reparieren, stürzt und bricht sich drei Zehen. Nun kann Lobas nicht mehr richtig laufen, medizinische Betreuung gibt es kaum noch. Und so steigt er widerwillig mit einer kleinen Reisetasche in einen Kleinbus der Proliska-Helfer. Starr sitzt er auf dem Rücksitz, bis er vier Autostunden später in Losowa aussteigt. Überglücklich begrüsst ihn Tochter Julia Schara. «Ich warte jetzt ein, zwei Monate ab», sagt Alexander Lobas. «Wenn ich völlig gesund werde, will ich wieder zurück nach Kupjansk.»

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