April 24, 2024

Richard Beauvais (links) hat fast 70 Jahre ein Leben geführt, das für Edward Ambrose (rechts) vorgesehen war. Und Ambrose hielt Beauvais’ biologische Eltern für seine eigenen.

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Da sitzen sie nun nebeneinander auf zwei Stühlen im Parlament in Winnipeg: zwei Männer, die das Leben des jeweils anderen gelebt haben. Still hören sie den Politikern zu, die Hände im Schoss gefaltet, so ist es auf einem Video zu sehen, zwei Männer mit Schnurrbart und Brille und betroffenem Blick. Vorn steht der Premier der kanadischen Provinz Manitoba und sagt: «Richard Beauvais, es tut mir leid. Edward Ambrose, es tut mir leid.»

Was für ein Gefühl muss das sein, wenn das eigene Leben sich plötzlich aufspaltet in ein reales und ein verpasstes Leben, ein tatsächlich geführtes und ein eigentlich vorgesehenes? Vermutlich ist es die Wucht solcher Fragen, die weltweites Interesse geweckt hat an diesem Fall, der 1955 in einem kleinen Provinzspital in Manitoba seinen Anfang nahm. Als irgendjemand, bewusst oder unbewusst, zwei Neugeborene vertauschte. Und zwei Elternpaare mit dem falschen Baby nach Hause schickte.

Am vergangenen Donnerstag, fast 70 Jahre später, hat sich Kanada in Person von Manitoba-Premier Wab Kinew offiziell entschuldigt für einen Fehler, der sich trotz aller Worte nie wieder gutmachen lässt. Ein Gesetz kann man revidieren, ein Leben nicht. Um Empathie und Mitgefühl zu wecken, sagte Kinew, werde man manchmal sprichwörtlich aufgefordert, «eine Meile in den Schuhen eines anderen» zu gehen. «Wenn das wahr ist, dürften unsere heutigen Ehrengäste zu Empathie und Mitgefühl fähig sein auf einem Niveau, dem sich nur sehr wenige von uns auch nur annähern können.»

Ein Weihnachtsgeschenk veränderte das Leben der Männer

Es war ein harmloses Weihnachtsgeschenk, das vor drei Jahren das Leben beider Männer veränderte, ein einfacher DNA-Test, Ahnenforschung für Anfänger. Richard Beauvais war aufgewachsen als vermeintlicher Sohn eines französischen Vaters und einer Cree-Mutter. Die indigenen Wurzeln hatten, wie er verschiedenen Medien erzählte, sein Leben geprägt, seine Identität. Sein Vater starb, als er drei war, seiner Mutter wurde er gewaltsam entrissen, als Kanada indigene Kinder im Zuge einer aggressiven Assimilierungspolitik in Heime steckte oder zu weissen Adoptiveltern verschleppte.

Später war Beauvais stolz darauf, das einzige vollständig indigen bemannte Fischerboot an der Küste von British Columbia zu betreiben. Und dann? Zeigte dieser verdammte Test keine Spur der erwarteten Cree-Herkunft an. Stattdessen: eine aschkenasisch-jüdische, polnische und ukrainische Abstammung.

Beauvais hat das Gefühl, dass ihm etwas genommen wurde

Es muss in etwa zur gleichen Zeit gewesen sein, dass Tausende Kilometer entfernt in Winnipeg, der Hauptstadt von Manitoba, eine Frau polnisch-ukrainischer Herkunft einen ähnlichen Test vornahm. Und feststellte, dass sie mit ihrem vermeintlichen Bruder nicht verwandt war: Edward Ambrose, geboren am selben Tag und im selben Krankenhaus wie Beauvais. Und in Wahrheit Kind einer Mutter aus dem Stamm der Cree.

Ambrose wuchs, wie sein Anwalt der BBC erzählte, in einer «sehr liebevollen und fürsorglichen Familie» auf, die ihn mit ukrainischen Volksliedern in den Schlaf wiegte. Seine Eltern starben, als er noch jung war. Pflegeeltern nahmen ihn auf. Sowohl Ambrose als auch Beauvais sagen heute, dass sie in ihren Adoptivfamilien Liebe und Glück erfahren haben.

«Es war schändlich, indianisch zu sein»

Beide müssen nun aber lernen, mit dem Schmerz umzugehen, ihre biologischen Eltern nie kennen gelernt zu haben. Dem Schmerz, nicht der zu sein, für den sie sich gehalten haben. «Ich komme aus einer Zeit, als es schändlich war, indianisch zu sein», hat Richard Beauvais vor einem Jahr dem Sender CBS erzählt. Jetzt habe er das Gefühl, etwas verloren zu haben. «Wenn du so hart dafür kämpfst, jemand zu sein, und dann auf einmal nicht dieser Jemand bist – das wirft dich zurück.» Weltbild und Selbstbild müssen jetzt erst mal neu in Einklang gebracht werden.

Zwei Tage vor dem Auftritt im Parlamentsgebäude in der vergangenen Woche haben sich Beauvais und Ambrose das erste Mal leibhaftig gegenüber­gestanden. Ihre Familien haben bereits zusammengefunden, auch die Schwestern und die Töchter, es gibt ja viel zu erzählen. Zum Beispiel, dass sich die Leben der Männer in kleinen, kurzen Momenten überlappten. Denn beide haben offenbar als Kind und Teenager – ohne es zu ahnen – kurze Zufallsbekanntschaften mit ihren jeweiligen biologischen Schwestern gemacht. Beim Fischen und bei der Suche nach Mitgliedern für ein Baseball-Team. Wer sie hätten sein können, wie ihre Eltern waren, welches Leben sie verpasst haben, das können die Männer jetzt nur noch im direkten Austausch erfahren. In Interviews mit dem eigentlichen Ich.

Beauvais und Ambrose sind laut BBC schon der dritte bekannt gewordene Fall einer Babyverwechslung in Manitoba. Der Anwalt der Männer glaubt, dass noch weitere auftauchen dürften, wenn die Hobby-Ahnenforschung noch beliebter als ohnehin schon wird. Für Beauvais und Ambrose hofft er jetzt auf eine Entschädigung, eine Kompensation, ein Schmerzensgeld. Wie auch immer man das nennen will, wenn eine Wiedergutmachung nicht mehr möglich ist.

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