April 24, 2024

Mit dem Militär gegen Kriminelle: Soldaten in Ecuador.

Es sind erst mal gute Nachrichten, die aus Ecuador kommen – und allein das ist schon ein Fortschritt. In den vergangenen Jahren war das südamerikanische Land von einer beispiellosen Welle der Gewalt überrollt worden. Gangs hatten Stadtviertel und Haftanstalten fest in ihrem Griff; Politiker, Polizisten und Staatsanwälte wurden ermordet; Leichen baumelten von Brücken. Nun aber das: Seit Anfang des Jahres ist die Mordrate laut Behörden nicht nur nicht gestiegen. Sie geht sogar zurück, um mehr als ein Drittel für die zweite Januarhälfte, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Der Grund, da ist sich die Regierung des südamerikanischen Landes sicher, ist ihr hartes Durchgreifen gegen Gangs und Kriminelle. Anfang Januar hatte Präsident Daniel Noboa verkündet, Ecuador befinde sich in einem «internen bewaffneten Konflikt». Etwa zwei Dutzend kriminelle Banden wurden zu Terroristen erklärt und das Militär angewiesen, sie zu «neutralisieren». Seitdem patrouillieren Soldaten in den Strassen, Waffen wurden beschlagnahmt, dazu tonnenweise Kokain. Und: Zehntausend Personen wurden angeblich verhaftet.

Seine Popularität steigt: Ecuadors Präsident Daniel Noboa an einer Militärparade.

Nun sinkt die Mordrate nach offiziellen Angaben, und Umfragen zeigen, dass gleichzeitig die Popularität des Präsidenten steigt. 36 Jahre alt ist Daniel Noboa, Sohn eines Bananen-Magnaten und konservativer Überraschungssieger bei den Wahlen im vergangenen Jahr. Rund hundert Tage ist Noboa erst im Amt, viel Zeit aber bleibt ihm nicht: Weil die Abstimmung 2023 ausserplanmässig stattfand, gibt es 2025 schon wieder Wahlen. Noboa hat es darum eilig, er setzt auf radikale Massnahmen; und auf einen Plan, der bereits andernorts in Lateinamerika funktioniert zu haben scheint.

Ein Vorbild für viele in Lateinamerika: El Salvadors Präsident Nayib Bukele.

In El Salvador, 2000 Kilometer nördlich von Ecuador, hatten Regierungen über Jahre hinweg mit immer brutalerer Ganggewalt gekämpft, ohne Erfolg. Doch dann, im März 2022, verhängte der aktuelle Präsident Nayib Bukele nach einem besonders blutigen Wochenende den Ausnahmezustand. Soldaten wurden auf die Strassen geschickt, Städte umstellt. Es gab Massenverhaftungen.

Heute, zwei Jahre später, sitzen etwa 100’000 Menschen hinter Gittern, die allermeisten allerdings ohne Urteil. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Regierung in El Salvador scharf, doch das Land hat heute eine der niedrigsten Mordraten der Region. Und kein Politiker in ganz Lateinamerika ist so beliebt wie Nayib Bukele. In Honduras versucht die Regierung, seine Massnahmen in Teilen zu kopieren, ebenso wie Politiker in Argentinien oder Peru. Kein Land und kein Präsident ist aber bisher so konsequent vorgegangen wie Daniel Noboa in Ecuador.

Griffige Slogans, neue Zellen

So wie sein Amtskollege in El Salvador ist auch der Staatschef von Ecuador noch jung. Wie Nayib Bukele präsentiert er sich gern entweder im feinen Anzug oder in Fliegerjacke und mit Sonnenbrille. Auch Noboa hat seiner Politik der harten Hand einen griffigen Namen gegeben: Plan fénix, Phoenix-Plan. Und damit es genügend Zellen für all die neuen Häftlinge gibt, soll ein neues Gefängnis gebaut werden, ähnlich jener riesigen Haftanstalt, die Bukele in El Salvador im vergangenen Jahr eingeweiht hat. Sogar dieselbe Baufirma will man in Ecuador beauftragen.

Und dennoch: Es ist fraglich, ob sich die angeblichen Erfolge El Salvadors in der Verbrechensbekämpfung so einfach in Ecuador wiederholen lassen. Zu verschieden sind die Länder in Bezug auf Bevölkerung und Grösse. Zu unterschiedlich sind aber auch die kriminellen Gangs: Die sogenannten «maras» in El Salvador finanzierten sich hauptsächlich über Schutzgelderpressung. In Ecuador dagegen sind die Banden vor allem in den internationalen Drogenhandel verstrickt.

Ecuador liegt eingeklemmt zwischen Peru und Kolumbien, den beiden grössten Kokainproduzenten der Welt. Das Land ist zu einem Umschlagplatz für die Droge geworden. Das weisse Pulver wird von ecuadorianischen Häfen aus in die USA und nach Europa verschickt.

Anders als die Banden in El Salvador haben die Gangs in Ecuador beste Verbindungen zu Kartellen in Mexiko oder Kolumbien und vermutlich auch zur Mafia in Albanien. Dazu hat das Kokain sie reich gemacht. Sie sind gut bewaffnet, und Politiker und Polizisten werden von ihnen seit Jahren geschmiert. Diese Korruption ist es, die – zusammen mit wachsender Ungleichheit in der Bevölkerung – die Banden erst hat gross werden lassen. Die Frage ist, ob Soldaten auf den Strassen und neue Haftanstalten an diesen grundlegenden Problemen etwas ändern werden.

Noboa, der junge Präsident Ecuadors, sagt, es gebe keine andere Wahl: «Unser Land droht andernfalls zu einem Narco-Staat zu werden.»

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