February 21, 2024

Moderatorin Caren Miosga und ihr erster Sendegast, der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz.

Eigentlich hat Anne Will sechzehn Jahre lang vorgemacht, wie es geht. Aber wenn die langjährige «Tagesthemen»-Moderatorin Caren Miosga jetzt zum allerersten Mal den luxuriösen Sonntagabend-post-«Tatort»-Slot auf der ARD übernimmt, um dort eine neue politische Talkshow zu moderieren, dann muss man einiges ausprobieren, damit es am Ende nicht nur «Anne Will» ohne Will wird. Und auch von Maischberger oder Lanz und Illner im ZDF muss man sich irgendwie abgrenzen, zumal die Zuschauerzahlen von Polittalkshows gerade sowieso schwinden.

Also muss man es anders machen. Und anders heisst in der Regel jünger, und bei «jünger» kommen Menschen jenseits der zwanzig gern auf dumme Ideen. Diese probieren sie dann aus, und wenn alle lachen, schauen sie beschämt auf ihre weissen Sneaker und lassen den Quatsch – und so entsteht gutes Fernsehen (lesen Sie hier unseren Bericht über Anne Wills letzte Sendung).

Die Lampe auf dem Fussboden: Nach sechseinhalb Minuten stellte Miosga die Lampe auf den Tisch.

Auch nicht bleiben wird die Sache mit der Lampe. Von der man immer noch nicht genau weiss, was sie eigentlich bewirken sollte, nur, dass da zu Sendungsbeginn diese schwarze Lampe stand, auf dem Fussboden, neben dem ungefähr oktogonalen Tisch. Sechseinhalb Minuten stand sie da, während Caren Miosga sich mit dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz unterhielt, wovon man allerdings nicht viel mitbekam, weil man die ganze Zeit gebannt diese verlorene Schreibtischlampe auf dem Fussboden anstarrte.

Dann, endlich, nach sechseinhalb Minuten, stellte Miosga die Lampe auf den Tisch und stellte dazu Fragen, deren Sinn sich nicht ganz erschloss, nur dass es sich bei der Lampe um eine Kaiser-Idell-Lampe handelt, die wohl, wie Merz selbst, aus dem Hochsauerland stammt. Miosga dazu: «Was passiert dann so, wenn man so was bekommt?», doch was sie damit meint, bleibt unklar. Und wer auch immer die Idee mit der Lampe hatte, schaut wahrscheinlich gerade auf blütenweisse Sneaker und fragt sich, ob es wirklich eine so coole Idee war, eine Situation zu kreieren, die so wirkt, als wollte eine Journalistin vor laufender Kamera eine 600-Euro-Lampe an einen zukünftigen Kanzlerkandidaten verschenken.

Die Frage nach dem Umgang mit rechts

Zumal in den vorherigen sechs Minuten bereits über die Proteste gegen rechts, die an diesem Wochenende in vielen Städten der Republik Hunderttausende Menschen auf die Strassen holten, gesprochen worden war, über die Frage, wie die CDU mit dem Dilemma umgeht, sich gleichzeitig klar von der AfD abgrenzen zu wollen und um AfD-Wähler buhlen zu müssen, und über die Potsdamer Konferenz, bei der rechte Politiker (unter anderem ein Mitglied der CDU und zwei Mitglieder der Werteunion) die Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund planten. Ein klein bisschen wirkten diese ersten Minuten wie: «‹Was wollen wir gegen die Rechten tun?›, fragte die Journalistin und schenkte dem Politiker eine Designerlampe» – aber genug davon.

Es ist ja wirklich die erste Sendung. Und dann auch noch live. Und jede Kritik deplatziert, weil man es ja eigentlich begrüsst, dass Fernsehmacher Sachen ausprobieren, gerade auch in einer Livesendung. Wenn man das jetzt kritisiert, dann werden alle immer feiger, und das kann ja auch nicht die Lösung sein. Und die Lampe war doch eigentlich ganz hübsch.

Miosga tritt vor vollem Haus auf

Was übrigens hoffentlich bleiben wird, ist das Publikum. Und eigentlich reicht das schon als (beinahe) Alleinstellungsmerkmal: Während die meisten Polittalks ihre Publika an die Pandemie opferten, tritt Miosga jetzt vor vollem Haus auf. Das ist beglückend «retro», was im Fernsehen vielleicht die beste Art ist, etwas zu verjüngen. Tatsächlich ist so ein Publikum eine Bereicherung, nicht nur, weil es gerade in der ersten Folge so herzzerreissend aufgeregt sitzt, als müsste es jederzeit jemanden grüssen. Sondern, weil es tatsächlich Erkenntnisse liefert.

Zum Beispiel dann, wenn der lauteste Szenenapplaus des Abends auf eine Montage «Worst-of-Merz-Populismus» trifft (kleine Paschas, Gillamoos ist Deutschland, die Migranten nehmen uns die Zahnärzte weg) und einen so mit der bitteren Wahrheit konfrontiert, dass Populismus tatsächlich populär ist – nicht nur in Gillamoos, sondern eben auch bei einem ARD-Publikum nahe Kreuzberg.

Wobei der zweitlauteste Applaus auf eine Merz-Populismus-Replik der «Zeit»-Journalistin Anne Hähnig folgt, die zusammen mit dem Soziologen Armin Nassehi in der zweiten Hälfte der Sendung dazugeholt wurde und so deutlich macht, was ein Politiker mit Ambitionen, Kanzlerkandidat der bürgerlichen Mitte zu sein, nicht vergessen darf: dass diese Art des Populismus eben auch Wähler wegekelt.

Was auch bleiben wird, ist Miosga selbst. Denn natürlich kann sie Fernsehen und Livesendung und Gespräche führen (und sehr ansteckend lachen, insgesamt wie jemand wirken, mit dem man gern den Sonntagabend verbringt). Auch, wenn das jetzt alles etwas zu schnell war. Auch, wenn vor lauter Themen-Hopping leider nur wenig Erkenntnis herauskam. Auch, wenn in dieser ersten Sendung Anlass eindeutig Inhalt schlägt. Auch, wenn die Fragen mitunter so weich waren, dass sogar ein Friedrich Merz, der ja nicht unbedingt für seinen überbordenden Charme bekannt ist, als haushoher Gewinner vom Platz gehen kann (weshalb Miosga sich wohl in näherer Zukunft über hochkarätige Gäste freuen darf). Das Format der Sendung – wenige Gäste, verhältnismässig viel Zeit, die man nur selbstbewusster auskosten müsste – ist eigentlich gut. Und der Rest, der bleibt ja nicht.

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