April 24, 2024

Nawalny im Jahr 2020 bei einer Demonstration in Moskau. Wenig später wurde er vergiftet und aus Russland ausgeflogen, um in einem deutschen Spital behandelt zu werden.

Am Ende brach Alexei Nawalny in der Strafkolonie am Polarkreis zusammen. Er kam von einem Spaziergang, zumindest so berichtete es die Kolonieleitung. Versuche, ihn wiederzubeleben, seien gescheitert. In Tagen wie diesen ist es minus 30 Grad im russischen Bezirk Jamal-Nenzen. Nawalny war offenbar stark geschwächt. Dabei war er noch am Vortag zu einer Gerichtsverhandlung zugeschaltet worden. «Er sah gesund aus», schreiben russische Medien.

Auch wenn das auf den schlechten Videoaufnahmen schwer erkennbar ist, immerhin, der 47-Jährige grinste, blickte streitlustig Richtung Kamera, Nawalny war noch nie verlegen um spitze Kommentare. Er wusste um sein Podium und seine Wirkmacht, auch weggesperrt und in Haft. Darum wusste auch ein Mann Tausende Kilometer entfernt im warmen Kreml. Wladimir Putin hatte ihn nicht für 19 Jahre in Haft geschickt, um ihn zu bestrafen, er wollte an ihm ein Exempel statuieren. Die Botschaft: Wer es wagt, sich aufzulehnen, endet wie Nawalny, leidet wie er. Jetzt, genau einen Monat vor der Schein-Präsidentschaftswahl in Russland, ist eingetreten, was lange befürchtet worden war. Wenn die Meldungen der russischen Behörden stimmen, gibt es keinen Zweifel daran: Sie haben ihn getötet. Putin hat ihn getötet.

Nawalnys Mitstreiter rieben sich manchmal die Augen, wie stoisch Nawalny, stark abgemagert, nahezu vollständig isoliert von der Aussenwelt, weitermachte. Aus der Haft klagte er gegen die Bedingungen der Strafkolonie und erstritt sich Rederecht vor Gericht, das er nutzte, um seine Botschaften zu platzieren. Auch sein Team arbeitete weiter, als Nawalnys Anwälte in Haft kamen, machten neue weiter. Zwar schweigt die grosse Mehrheit in Russland heute, vollkommen abgestorben aber ist die Zivilgesellschaft noch nicht, an ihnen wurde das deutlich.

Exil war für Nawalny keine Option

Das Nawalny-Netzwerk, das in Russland in die weit entlegenen Regionen reicht, veröffentlichte weitere Investigativrecherchen über Korruption, unter erheblich erschwerten Bedingungen. Zuletzt unterstützte das Team Boris Nadeschdin, einen erklärten Gegner des Kriegs in der Ukraine, der als Gegenkandidat Putin im März herausfordern wollte. Es war eine Allianz der Gelegenheit, Nadeschdin gilt vielen als Marionette des Kreml, aber immerhin konnte so Nawalnys Kritik an Putin wieder in die breite russische Gesellschaft dringen.

Nawalny hatte immer gesagt, dass er seine Heimat Russland nicht verlasse. Andere Oppositionelle machten im Exil weiter, für Nawalny war das keine Option. Er kehrte nach dem Giftanschlag auf ihn im Jahr 2020 und dem darauffolgenden Spitalaufenthalt in Deutschland nach Moskau zurück. Sogleich verschwand er im Gefängnis. Mit seinem Tod gibt es kaum mehr Kritiker im Land, die seine Wirkmacht haben. Auch ein Wladimir Kara-Mursa fristet ein sehr aussichtsloses Dasein mit einer noch längeren Haftstrafe (25 Jahre). Auch er kämpft mit seiner Gesundheit. Über Gefangenenaustausche war immer wieder spekuliert worden. Aber wichtiger war es Putin, Nawalny als Faustpfand der Abschreckung zu nutzen. Und um Angst zu verbreiten.

Es ist nicht zu erwarten, dass die Menschen in Russland jetzt aufstehen. Die Menschen werden sich wohl noch mehr ins Private zurückziehen. Denn der Tod Nawalnys ist auch eine Warnung an alle, die sich für den Politiker Nadeschdin in Schlangen stellten, ihre Namen und Unterschriften abgaben und damit ihre Ablehnung gegenüber dem Krieg gegen die Ukraine dem Geheimdienst preisgaben.

Putin hat Russland mit einer omnipräsenten Unsicherheit überzogen. Was man sagen darf und was nicht, ist ein sehr schmaler Grat. Nawalny hat dafür mit seinem Leben bezahlt.

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@calaha_caha

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