July 20, 2024

In der Epi-Klinik in Zürich kam es zu mehreren erschütternden Vorfällen: Ein Bewohner verletzte sich zweimal schwer, andere Bewohner wurden gegenüber einer Betreuerin gewalttätig.

vonLetizia VecchioIm EPI-Wohnwerk in Zürich sind in den vergangenen vier Jahren mehrere Patienten gestorben oder schwer verunfallt –nun ermitteln die Behörden. 

Darum gehts 

  • In einer Wohneinrichtung für schwer behinderte Menschen kam es seit 2019 zu einer Serie von schweren Unfällen und Übergriffen.

  • Zwei Bewohner starben, ein Bewohner verletzte sich zweimal schwer, eine Mitarbeiterin wurde mehrfach angegriffen. 

  • Gegen die Einrichtung ermitteln nun die Behörden. 

Im «Epi-WohnWerk»  in Zürich ist es innerhalb von vier Jahren zu mehreren, schwerwiegenden Vorfällen gekommen, die unweigerlich die Frage aufkommen lassen: Ist das noch Zufall oder handelt es sich um ein strukturelles Problem der Einrichtung? Allerdings wiegt das Geschehene offenbar so schwer, das mittlerweile die Staatsanwaltschaft in der Angelegenheit ermittelt und mindestens zwei Strafverfahren gegen das Heim laufen. 

Das «Epi-WohnWerk» gehört zur Schweizerischen Epilepsie-Klinik, die wiederum zur eine Tochtergesellschaft  der Schweizerischen Epilepsie-Stiftung und der Stiftung Zürcher RehaZentren ist. Hier leben Menschen, die auf Grund von kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen ihren Alltag nicht alleine bewältigen können. Und genau in diesem sensiblen Umfeld verletzte sich ein Bewohner gleich zweimal hintereinander lebensgefährlich, ausserdem wurde eine Mitarbeiterin so schwer von Bewohnern verletzt, dass sie seit Jahren nicht mehr arbeiten kann. Darüber berichtet der «Tages-Anzeiger». 

Samuel sitzt 20 Minuten im brühheissen Badewasser

Der schwer verletzte Bewohner ist Samuel, 39 Jahre alt. Eigentlich heisst er anders. Er kann weder reden noch sich sonst irgendwie akustisch bemerkbar machen. Auch kognitiv hat er schwere Beeinträchtigungen. Im Juli 2019 fällt er aus einem Fenster im ersten Stock des Wohnheims, das vorher von einer Betreuerin offengelassen wurde. Er bricht sich mehrere Wirbel und eine Rippe. 

Vier Jahre später, im August 2023 kommt es zu einem noch schlimmeren Unfall, wieder ist Samuel betroffen: Er sitzt ganze 20 Sekunden im viel zu heissen Badewasser, kann weder schreien noch sich sonst irgendwie bemerkbar machen. Als die Betreuerin bemerkt, was passiert ist, ist es bereits zu spät: Der 39-Jährige erleidet schlimmste Verbrühungen am ganzen Körper, an 28 Prozent seiner Körperoberfläche sind Haut und Nervenbahnen zerstört. Er liegt mehrere Wochen auf der Intensivstation, muss ins künstliche Koma versetzt werden, zwei Hauttransplantationen werden vorgenommen. Auch heute,  drei Monate später, sind seine Wunden noch nicht verheilt. 

Betreuerin wird gewürgt und geschlagen 

 2019, im Jahr von Samuels Sturz, kommt es zu zwei Übergriffen auf Betreuerin Manuela Schärrer, die ebenfalls eigentlich anders heisst. Einmal wurde Schärrer von einer geistig behinderten Bewohnerin gewürgt und geschlagen: «Ich dachte, ich sterbe», so die Frau gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Schärrer setzt über das Notfall-Telefon einen Alarm ab, aber es kommt ihr niemand zu Hilfe. Erst als die Angreiferin einen epileptischen Anfall erleidet, lässt sie von der Betreuerin ab. 

Nur wenige Monate später wird Schärrer bei dem Versuch, einen Streit zu schlichten, erneut angegriffen. Zwei Bewohner gehen auf sie los, das Notfalltelefon fällt zu Boden und ist ausser Griffweite. Die Betreuerin zieht sich eine schwere Schulterverletzung zu, alle Sehnen zwischen Schulter und Oberarmknochen reissen, sie muss sich zwei Operationen unterziehen. Nach der Krankschreibung erhält sie vom Epi-Zentrum die Kündigung. 

Epi-Wohnheim sieht kein strukturelles Problem

Wenig später kommt es im Wohnheim zu zwei ominösen Todesfällen: Im November 2020 stirbt ein Bewohner an einem nächtlichen epileptischen Anfall, im Januar 2021 ein weiterer. André Thürig, seit 2022 Leiter des Wohnwerks, und Marco Beng, CEO der Epi-Stiftung, sehen kein strukturelles Problem in ihrer Einrichtung. Die Todesfälle seien durch die Krankheit der Betroffenen zu erklären, beide hätten einen Grand-Mal-Anfall erlitten. Das solche Fälle allerdings mitnichten zwingend tödlich verlaufen, sagen sie nicht. 

Auch im Fall des Angriffs auf Manuela Schärrer übernimmt das Zentrum nicht die Verantwortung für die Vorfälle, vielmehr habe man «mögliche technische, prozessuale und menschliche Fehler» abgeklärt, aber keine Mängel eruieren können. Vielmehr müsse man sich als Mitarbeiter darüber im Klaren sein, dass Übergriffe durch die Bewohner möglich seien.  Lediglich der Fenstersturz Samuels hatte Konsequenzen: Die Fenster seien nun mit Plexiglas scheiben gesichert, um Bewohner am Herausfallen zu hindern. Es bleibt nun abzuwarten, was die Untersuchungen der Behörden ergeben. 

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