July 21, 2024

Der Tod «gehört dann wohl zum Leben dazu»: Wolfgang Schäuble im Jahr 2021.

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Am 14. Dezember, zwölf Tage vor seinem Tod, erschien Wolfgang Schäuble zum letzten Mal in seinem Büro im Berliner Bundestag. Vier Stunden lang diskutierte er mit den beiden Co-Autoren über die Abschlusskapitel seiner Lebenserinnerungen. Dann war das Werk vollbracht, der Nachlass formuliert. Schäuble konnte loslassen und mit seiner Familie, so wie er es versprochen hatte, ein letztes Mal Weihnachten feiern. Schäuble starb am 26. Dezember.

Nach Berlin kehrte er nicht mehr zurück. Die Co-Autoren, die Historiker Jens Hacke und Hilmar Sack, beschreiben noch das Abschiedstelefonat am Weihnachtswochenende, in dem Schäuble mit dem ihm so eigenen Kantenhieb den bevorstehenden Tod ironisierte: «Das gehört dann wohl zum Leben dazu.» (Mehr: Wolfgang Schäubles Leben in Bildern.)

Der Tod war Schäubles Lebensbegleiter – am Ende hat ihm Schäuble seinen Willen aufgezwungen. Zuerst meldete er sich beim Attentat von 1990, stets nur «das Unglück» genannt. Dann durch den Krebs, der 2006 entdeckt wurde und in den letzten Lebensjahren die schier unerschöpfliche Energie des Mannes auffrass.

Schäuble lebte aus dem Vollen

Gesprochen hat Schäuble darüber nicht. Für den Tod hatte Schäuble keine Zeit zu vergeuden, für Selbstmitleid oder die grüblerische Betrachtung der Lebensniederlagen auch nicht. Schäuble lebte aus dem Vollen, politische Bewegung war sein Antrieb, Erfolg war das Ziel und die Niederlage sein erduldeter Begleiter.

Angetrieben wurde diese titanische Lebensleistung durch einen unbändigen Gestaltungswillen, Ehrgeiz, Glauben, Familienliebe, Heimatverbundenheit, aber auch eine Portion Demut. Hybris, Selbstbesoffenheit, die Unfähigkeit zur Reflexion – das waren Schäubles Eigenschaften nicht. Auch davon zeugen die Erinnerungen, die Schäuble im Bewusstsein seines bevorstehenden Todes verfasst hat. Rücksicht musste dieser Mann zu diesem Zeitpunkt auf niemanden mehr nehmen, nicht mal auf sich selbst.

Nur wenige Politiker können auf eine vergleichbare Lebensleistung zurückblicken: Das Buch «Erinnerungen» des verstorbenen Politikers Wolfgang Schäuble in einer Buchhandlung.

Wolfgang Schäubles Memoiren werden zum Pflichtkanon der politischen Geschichtsschreibung in Deutschland gehören. Nur wenige Politiker können auf eine vergleichbare Lebensleistung zurückblicken: 50 Jahre Parlamentarier, davon fast 40 Jahre in der Verantwortung als Minister für das Kanzleramt, für Inneres und Finanzen, als Bundestagspräsident, als Partei- und Fraktionsvorsitzender. Dann die Schlüsselrolle in zwei Scharniermomenten der Geschichte: während der deutschen Vereinigung und der Eurokrise.

Schliesslich die schicksalshafte Verquickung mit den Langzeitkanzlern Helmut Kohl und Angela Merkel, die Rolle als ewiger Nicht-Kanzler, das «Unglück» und die Spenden-Tragödie. Am Ende ist es Schäubles intellektuelle Schärfe, mit der er ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte einfängt, bündelt und deutet – ein politisches Leben in unvergleichbarer Fülle.

Zeitgeschichte Deutschlands

Von der gescheiterten Kanzlerwahl Rainer Barzels bis zum Machtkampf in der Union nach Angela Merkels Abschied führt Schäuble durch die Zeitgeschichte der Republik – nie besserwisserisch, stets in selbstironisierender Schärfe («vermutlich hat kaum jemand zu Lebzeiten so viele politische Nachrufe auf sich lesen dürfen wie ich»). Schäuble ordnet die Verhältnisse als politisch versierter Historiker, nicht als historisch versierter Politiker. Ob da ein Edmund Stoiber zum Putsch gegen Merkel angestachelt hat oder nicht, verkommt zur Fussnote.

Wirklich relevant sind noch immer die Details zur CDU-Spendenaffäre und die selbstkritische Einordnung am Ende einer langen Zeit mit dem Einheitskanzler. Kohl ist der Leitstern der frühen Schäuble-Jahre, für ihn das Symbol einer modernen CDU und der «geistig-moralischen Wende», die das ausgelaugte Establishment der 70er-Jahre abgelöst hat. An seiner Achtung und Sympathie für Kohl lässt Schäuble keinen Zweifel.

Doch dann, in der vierten Legislatur, wurde Helmut Kohl zum «Gesicht der Krise». Reformstau und Sklerose mündeten in der ersten grossen Niederlage, dem Abschied von der Macht 1998. Schäubles persönlicher Kampf um die Führung scheiterte am Prinzip: «Helmut Kohl hatte ich meine Karriere zu verdanken, und ich war Teil seines Erfolgs gewesen. Mein Wort, dass ich ihn nicht hintergehen werde, galt.»

Und später: «Mit Blick auf meinen Lebensweg fällt mir ohnehin auf, dass (…) meine strategischen Fähigkeiten in eigener Sache wenig ausgeprägt waren.» Überwogen hat die Erkenntnis, dass die Partei Kohl «ohne selbstzerstörerische Konsequenzen» nicht habe stürzen können. «Deshalb durfte ein solcher Putsch nicht stattfinden.»

Koketterie? Mitnichten. Schäuble glaubte an die Kraft des Arguments und des Verstandes – weshalb sich die endgültige Vernichtung durch Kohl in der Spendenaffäre («Tiefpunkt meiner politischen Karriere») seinem Verständnis entzieht. «Ich musste akzeptieren, dass meine Mission als Parteivorsitzender und Erneuerer gescheitert war.»

Finanz-Schattenwelt holte Schäuble ein

Erste Bekanntschaften mit Kohls schwarzen Kassen hatte er als Fraktionsgeschäftsführer gemacht, als er auf ein nicht geprüftes Konto stiess. Als Parteivorsitzender holte ihn diese «Schattenwelt» ein, der «Sog des Verdachts» war so übermächtig, dass er Schäuble hinwegriss. «Jeder, der von ihm abrückte, wurde zum Verräter oder Feigling erklärt. (…) Die Dimension der Zerstörung konnte allerdings niemand vorhersehen.»

Mit dem Abstand der Jahrzehnte hinterlässt Schäuble für die Ergründung der Affäre zwei Neuigkeiten: Die schwarze Fraktionskasse, mit der er bereits in den 80er-Jahren Bekanntschaft gemacht hatte, war am Ende auf jene zwei Millionen D-Mark zusammengeschrumpft, die Kohl von angeblich «anonymen Spendern» erhalten haben will. Schäubles Vermutung: Diese Spender gab es nie, es handelt sich um die Überreste der schwarzen Kasse.

«Helmut Kohl hatte ich meine Karriere zu verdanken, und ich war Teil seines Erfolgs gewesen»: Schäuble 1998 mit Bundeskanzler Helmut Kohl (M.) und Finanzminister Theo Waigel (l.).

Botschaft Nummer zwei für Feinschmecker des CDU-Spendenskandals: In Schäubles Nachlass befindet sich eine Quittung über die Schreiber-Spende – ausgestellt von der Schatzmeisterin Brigitte Baumeister. Es handelte sich um jene Spende, die Schäuble am Ende die Glaubwürdigkeit und das Amt kostete. Mit dem Hinweis auf die Quittung kontert Schäuble ein letztes Mal das Zerstörungsduell, das er sich damals mit Baumeister geliefert hatte. Der Skandal hat sein Ehrgefühl bis zum Tod belastet.

Die Spendenaffäre und ihre Folgen lösten hingegen keinen Groll gegenüber Angela Merkel aus, die als Generalsekretärin ihren Parteivorsitzenden Schäuble umging und am 22. Dezember 1999 den Scheidungsbrief an Kohl und die alte CDU verfasste. Der «mutige und entschlossene Schachzug» eröffnete Merkel den Zugriff auf die Parteiführung, wie Schäuble anerkennend schreibt.

2005–2017, die Ära Merkel

So wenig wie Merkel im ersten Teil der Lebenserinnerungen eine Rolle spielt, so sehr dominiert sie dann den zweiten Zyklus, die Kabinettsjahre von 2005 bis 2017. Wie bei Kohl entstand eine intensive und vertrauensvolle Beziehung, die über die Jahre nach starkem Dissens über Inhalte und Merkels Führungsstil in der Entfremdung endete.

Schäuble spart hier nicht mit Respektbezeugungen – aber auch nicht mit Kritik. Merkel brachte er intellektuelle Anerkennung entgegen, schätzte ihre abwägende und überlegte Art. In der Währungs- und Griechenlandkrise drifteten die Wege aber auseinander. Schäuble lebte mit einem Kanzleramt, das seine Vorstellungen der Finanz- und Währungspolitik nicht teilte.

«In diesem Spannungsfeld ging ich teils an die Grenzen des für mich Erträglichen.» Die Differenzen nahmen während der Flüchtlingskrise 2015 weiter zu, Schäuble empörte sich über Führungsstil und Kommunikationsverhalten der Kanzlerin.

«Ihren scharfen Verstand und ihre politische Intelligenz habe ich immer bewundert und darum nie aufgegeben, sie von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen»: Schäuble mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), 2017.

Nie lässt Schäuble Zweifel an seinem Amtsverständnis aufkommen, das Loyalität zur Regierungschefin gebietet. «Aber (…) unser Arbeitsverhältnis [hatte …] seine beste Zeit hinter sich (…) Ihren scharfen Verstand und ihre politische Intelligenz habe ich immer bewundert und darum nie aufgegeben, sie von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen. (…) Eine solche Spannung lässt sich aber auch nicht ewig aufrechterhalten.» Mehrmals, so schreibt Schäuble, stand er kurz vor dem Rücktritt, weil Merkel ihm die Unterstützung versagte.

Schäubles Vorstellung von Führung zeugt von der ihm eigenen Ungeduld: «Man braucht den Mut zu Entscheidungen», klagt er. Merkels historisches Verdienst: die CDU nach der Spendenaffäre vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit bewahrt zu haben.

Merkel und Schäuble lebten sich auseinander

Ihr Versäumnis: die Lähmung, die aus «der ständigen Suche nach Kompromissen» entstand. Schäuble lässt keinen Zweifel, dass er den Streit für die wichtigste Ware in der Politik hält. «Politische Führung auch über Inhalte, die gesellschaftlich kontrovers sind und der Bevölkerung etwas zumuten» – daran hat es Schäuble nicht missen lassen. Umso mehr litt er unter Merkels Strategie der asymmetrischen Demobilisierung, dem Verzicht auf den Streit. Das war zwar hilfreich für die persönlichen Sympathiewerte, «angesichts der heute erreichten Stärke der [AfD] (…) langfristig aber fatal».

Am Ende hatten sich die beiden auseinandergelebt, bis hin zur letzten Koalitionsentscheidung nach den gescheiterten Jamaika-Gesprächen. Schäuble riet zur proaktiven Flucht in die Minderheitenregierung, Merkel suchte ihr Heil erneut bei der SPD. Schäuble konnte die Kompromisse nicht länger mittragen und zog sich zurück. Die Kräfte schwanden bereits. «Die Zukunft wird zeigen, welchen Platz ihr die Geschichte zuweist», schreibt er über Merkel. Seinen Platz hat er schon mal eingenommen.

Wolfgang Schäuble: Erinnerungen. Mein Leben in der Politik. Klett-Cotta, Stuttgart 2024. 656 Seiten, 52.90 Fr.

Wolfgang Schäuble

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