July 13, 2024

Mit Insektengift werden Moskitos in einem Park in Buenos Aires getötet (März 2024).

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Mon Laferte war mitten in einem Lied, als sie plötzlich ihre Show unterbrechen musste. Die Sängerin ist derzeit einer der grössten Musikstars in der spanischsprachigen Welt, vier Latin Grammys, acht Alben, und nun ist die 40-jährige Chilenin auf Tour, mit Stationen in Nord- und Südamerika, Miami und Mexiko-Stadt, Boston, Bogotá und vergangenen Donnerstag auch Buenos Aires.

Die Halle im Herzen der argentinischen Hauptstadt war fast ausverkauft, die Stimmung bestens. Nur eines störte: die Mücken. Sie waren überall, im Publikumsbereich, auf der Bühne, und als Mon Laferte sogar in die Hand gestochen wurde, beim Gitarrenspiel, musste sie kurz Pause machen.

So etwas sei ihr noch nie passiert, sagte sie ziemlich verwundert. Die Fans in Buenos Aires waren weniger überrascht: Seit Monaten schon haben sie mit Moskitos zu kämpfen, im Bus und im Büro, beim Bier mit Freunden, beim Picknick im Park, und wenn es dumm läuft auch im Schlafzimmer.

Dabei sind die Moskitos das geringste Problem: Ein Stich, ein paar Tage Juckreiz, es gibt Schlimmeres, erst recht in Argentinien, einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze leben und viele nicht wissen, wo sie am Ende des Tages etwas zu essen bekommen können.

50’000 neue Fälle in einer Woche

Einige der Moskitos aber tragen das Denguevirus in sich. Es kann bei Infizierten eine Krankheit auslösen, die auch «Knochenbrecherfieber» genannt wird, was in etwa die Tragweite klarmacht: Erbrechen, dazu schwere Kopf- und Gliederschmerzen und im schlimmsten Falle sogar innere Blutungen. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde geht weltweit von 40’000 Toten pro Jahr aus.

Lange war Dengue vor allem in Asien verbreitet, seit ein paar Jahrzehnten aber steigen die Fallzahlen auch in Afrika und Australien, vor allem aber in Südamerika. Argentinien erlebt derzeit sogar den schlimmsten Ausbruch in der Geschichte des Landes: 230’000 Erkrankungen seit Mitte vergangenen Jahres, 50’000 neue Fälle allein in der vergangenen Woche.

«No hay repelente» kann man jetzt überall lesen: Mückenschutz – leider ausverkauft.

Die Lage ist besorgniserregend, einerseits, weil Spitälern die Betten ausgehen für all die Patienten, andererseits aber auch, weil viele Argentinier gleichzeitig nicht wissen, wie sie sich schützen sollen. Denn während teils dunkle Wolken mit Mücken durch die Luft wabern und man selbst tief unten in den U-Bahn-Schächten von Buenos Aires nicht mehr sicher ist vor ihnen, sind in den Supermärkten die Regale mit Moskitoschutzmittel leer gefegt. Kopfschütteln auch in Apotheken, Tankstellen und Kiosken. «No hay repelente» kann man jetzt überall lesen: Mückenschutz – leider ausverkauft.

Ideale Bedingungen für die Insekten

Manche Argentinier bitten jetzt Freunde im Ausland, beim nächsten Besuch doch etwas Nachschub mitzubringen. Andere mischen sich selbst Anti-Moskito-Lotionen zusammen, aus Kaffee und Knoblauch, Shampoo oder Vanilleextrakt. Selbst das aber ist nicht ohne Risiken: Erst vergangenen Freitag kam es in Buenos Aires zu einem Wohnungsbrand, nachdem ein 57-Jähriger mit ätherischen Ölen experimentiert hatte.

Die Verzweiflung wächst, mit ihr aber auch die Wut. Forscher sind sich einig, dass vor allem der Klimawandel und auch das Wetterphänomen El Niño schuld sind an der Mückenplage. Die Temperaturen steigen, dazu gab es dieses Jahr im Februar und März viel Regen: ideale Bedingungen für die Insekten.

Im Netz kursieren Bilder von Javier Milei, «Presi-Dengue» statt «presidente» steht darunter.

Immer mehr Argentinier kritisieren aber auch die Regierung und den neuen rechtslibertären Präsidenten Javier Milei. Er ist zwar erst seit Dezember im Amt, seitdem aber, so der Vorwurf, habe er sich um die – zugegebenermassen dreistellige – Inflation gekümmert, dabei aber den Kampf gegen die Moskitos sträflich vernachlässigt. Markt statt Mücken also.

Milei ist ein selbst ernannter Anarchokapitalist, der den Staat verachtet und fest davon überzeugt ist, dass Angebot und Nachfrage immer noch der beste Weg sind, um alltägliche Probleme zu lösen. Wie falsch diese Theorie ist, sagen Kritiker, zeige sich nun in der Moskitoplage: Denn die Nachfrage nach Mückenschutz sei ja ohne Frage gross – nur das Angebot fehle eben.

Und wie ein von allen Fesseln befreiter Markt in der Praxis aussehe, könne man jetzt ganz gut auf «Mercado Libre» sehen, einer Art argentinischen Amazon: Verkäufer bieten dort derzeit einzelne Dosen mit Anti-Moskito-Mitteln an, ein paar Hundert Milliliter für umgerechnet 40 oder 50 Franken, das Zehnfache des normalen Kaufpreises und unerschwinglich für die allermeisten Menschen in Argentinien. Ob das jetzt die Freiheit sei, von der Milei immer rede, fragt ein Nutzer im Netz: «Dass jeder Preise verlangen kann, wie er gerade Lust hat?»

Brasilien entwickelt Impfstoff, Argentinien spart

Der Präsident selbst schweigt bisher: Gesundheitsnotstand – wen juckts? Während im Nachbarland Brasilien an der Entwicklung eines eigenen Impfstoffs gearbeitet wird, streicht die Regierung in Argentinien der nationalen Wissenschaftsbehörde die Mittel zusammen und zweifelt dazu öffentlich an der Wirksamkeit eines bereits zugelassenen Vakzins.

Immerhin: Vergangene Woche wurde die Einfuhr von Mückenschutzmittel vereinfacht, in der Hoffnung darauf, dass der Markt sich doch noch selbst reguliert. Und auch der Gesundheitsminister, der bisher kaum öffentlich in Erscheinung getreten war, hat sich mittlerweile an die Bevölkerung gewandt. Sein Tipp: «Seien Sie bitte vorsichtig, wenn Sie kurze Hosen tragen!»

Ein paar Argentinier versuchen es mit Humor zu nehmen: Im Netz kursieren jetzt Bilder von Javier Milei als blutsaugendem Insekt, und statt «presidente», des spanischen Worts für Präsident, steht «Presi-Dengue» darunter.

Andere wiederum glauben weiterhin an das Gute im Menschen. Daran, dass andere im Supermarkt nicht gleich das komplette Regal leer kaufen, wenn es doch mal wieder Nachschub gibt. Daran, dass doch noch Hilfe kommt, sollte der Ansturm der Blutsauger zu gross werden.

Mon Laferte jedenfalls, die chilenische Sängerin, bekam bei ihrem Konzert in Buenos Aires am Ende ein Spray mit Mückenschutzmittel gereicht. Ein Fan hatte es hoch auf die Bühne gereicht, selbstlos. «Ihr seid das beste Publikum der Welt», sagte die chilenische Sängerin. Dann ging das Konzert weiter.

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