July 13, 2024

Landung in Helsinki: Die finnische Fluggesellschaft Finnair fliegt nicht zum Küss-Festival in Tartu, Estland.

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Für einige finnische Besucher fällt das Küssen in Tartu jetzt wohl aus. In der estnischen Stadt sollen sich am 18. Mai möglichst viele Menschen gleichzeitig auf diese Weise ihre Zuneigung zeigen, es ist ein Teil des Programms der diesjährigen Kulturhauptstadt. Doch nun fliegt Finnair die Stadt nicht mehr an. Jedenfalls nicht bis zum 31. Mai.

Das teilte die Fluggesellschaft am Montag mit. Wegen Störungen bei der GPS-Navigation waren in der vergangenen Woche zwei Finnair-Flugzeuge auf dem Weg nach Tartu wieder nach Helsinki zurückgekehrt. Die Regierungen der drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen machen Russland für die Signalstörungen verantwortlich.

Es handle sich um gezielte, hybride Angriffe, sagte der estnische Aussenminister Margus Tsahkna dem estnischen Rundfunk. Am Wochenende hat er mit seinen Amtskollegen aus Lettland und Litauen der «Financial Times» ein Interview gegeben. Es könne durch diese Angriffe auf die GPS-Systeme zu einem Flugzeugabsturz kommen, heisst es darin. «Diese Angriffe dürfen nicht ignoriert werden», sagte der litauische Aussenminister Gabrielius Landsbergis.

Störungsprobleme bei 46’000 Flügen seit August

Registriert werden solche GPS-Signalstörungen schon seit einigen Monaten besonders im Luftraum über dem gesamten Ostseeraum, also den baltischen Staaten, Polen, Finnland und Schweden und auch im Nordosten Deutschlands. Laut einem Bericht des «Guardian» sollen zwischen August und April solche Probleme bei etwa 46’000 Flügen festgestellt worden sein.

Selbst das Flugzeug, in dem der britische Verteidigungsminister Grant Shapps am 13. März aus Polen gestartet war, meldete eine Störung nahe Kaliningrad. Und auch wenn bislang keine akute Gefährdung eines Flugzeugs entstanden ist – die Maschinen verfügen neben GSP noch über andere Navigationssysteme –, widmete sich die europäische Flugsicherheitsagentur EASA bei einem Treffen Ende Januar in Köln diesem Problem.

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Man beobachte einen starken Anstieg von Angriffen auf die satellitengestützten Dienste, teilte die EASA mit. Piloten und Besatzung müssten geschult werden, um die Risiken zu erkennen und richtig reagieren zu können. Zugleich forderte die EASA alle Staaten auf, «traditionelle Navigationssysteme als Back-up beizubehalten». Im Falle des Flughafens in Tartu solle ein alternatives System innerhalb von einem Monat installiert werden, es gehe dabei um die Navigation unterhalb von drei Kilometern Flughöhe, teilt die Flughafengesellschaft mit.

Die Methoden heissen Jamming und Spoofing

Die englischen Fachbegriffe für zielgerichtete Störung von Navigationssatellitensystemen wie GPS sind Spoofing und Jamming. Diese Techniken sind Teil der elektronischen Kriegsführung, im Militärjargon auch «Navigation Warfare» genannt. Jamming bedeutet, dass Signale blockiert werden, Spoofing, dass man falsche Informationen an den Empfänger, etwa ein Flugzeug, sendet. Solche Fake-Signale täuschen diesem beispielsweise vor, dass es sich an einer anderen Position befindet als der tatsächlichen. Jamming ist sehr einfach durchzuführen, Spoofing braucht nur etwas mehr technisches Know-how.

Über die Quelle der Störsignale wurden in den vergangenen Monaten viele Informationen gesammelt. Mittlerweile gibt es kaum mehr einen Zweifel daran, dass hinter dem starken Anstieg seit 2022 eine konzertierte Operation des russischen Militärs steckt.

Von wo eine Störung ausgeht, lässt sich technisch gut eingrenzen. So hat ein Team von Studierenden der Universitäten Stanford und Texas, das an der Lokalisierung von Jammern arbeitet, ermittelt, dass sich die Quellen «ziemlich sicher» in Russland befinden.

Störsender steht in Kaliningrad

Auch der Osint-Account Markus Jonsson wertet Informationen aus, die im Internet frei verfügbar sind, wer hinter dem Account steckt, ist unbekannt. Vor allem besonders leistungsstarken Störsendern im Westen Russlands wird hier nachgespürt. Die Auswertungen basieren auf grossen, von jedem einsehbaren Datenmengen, sind nachvollziehbar und kommen zu einem klaren Ergebnis: Einer der Störsender, «Baltic Jammer» genannt, befindet sich demnach in der russischen Exklave Kaliningrad. «Kein Zweifel mehr», schreiben die Experten.

Auch das deutsche Verteidigungsministerium erklärte in mehreren Medien: «Die anhaltenden Störungen des globalen Navigationssatellitensystems sind mit hoher Wahrscheinlichkeit russischen Ursprungs und basieren auf Störungen im elektromagnetischen Spektrum, unter anderem mit Ursprung im Oblast Kaliningrad.» Die Störungen des Flugverkehrs über Estland und Finnland haben laut Markus Jonsson ihren Ursprung in der Nähe von St. Petersburg.

Russland verfügt über viel Erfahrung und Wissen auf dem Feld der elektronischen Kriegsführung. An der Front in der Ukraine ist diese ein entscheidender Faktor, GPS ist dort aufgrund der russischen Störsender kaum mehr nutzbar. In der Umgebung solcher Konfliktgebiete ist oft auch der zivile Flugverkehr von militärischen Aktivitäten betroffen. Doch die Ostsee ist weit entfernt von der ostukrainischen Front. Was ist also der Grund für Moskaus Aktivitäten dort?

Ziel ist es, den Westen zu verunsichern

Unter Experten gilt es als wahrscheinlich, dass die Störsysteme im Westen Russlands auch zur Abwehr von möglichen Raketen- oder Drohnenangriffen eingesetzt werden. Die Ukraine attackiert immer wieder insbesondere Industrieanlagen in Russland aus der Luft. Aber nicht alle Störoperationen im Ostseeraum lassen sich dadurch erklären.

Martin Harem, Oberkommandant der estnischen Streitkräfte, sagte dem britischen «Telegraph», es könne sein, dass Moskau seine Systeme der elektronischen Kriegsführung dort nur teste. Eine gewichtige Rolle spielt aber sicher, dass die Nato an der russischen Grenze präsenter geworden ist. So war nach der Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit Schweden und Finnland nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 ein starker Anstieg von GPS-Jamming in der Gegend rund um Kaliningrad zu beobachten. 

Die Störaktionen, die in der ganz überwiegenden Zahl eher eine Unannehmlichkeit als eine Gefahr darstellen, können also mit grosser Wahrscheinlichkeit der hybriden Kriegsführung Moskaus gegen die Nato zugerechnet werden. Die vielen kleinen Attacken auf unterschiedlichen Feldern, egal ob Informationskrieg oder elektronische Kriegsführung, sollen im Westen Verunsicherung hervorrufen. Ein Beamter des polnischen Verteidigungsministeriums fasste das in «Newsweek» so zusammen: Die russischen Störungen rund um die Ostsee zielten darauf ab, eine «Atmosphäre der Bedrohung und ein Gefühl der Hilflosigkeit» zu erzeugen.

Elektronische Kriegsführung

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