July 13, 2024

Nach dem Angriff versammelten sich am Samstag Hunderte Demonstranten zu einer antifaschistischen Demonstration vor dem Moment Teater in Stockholm.

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Das Moment Teater, ein Kulturzentrum im Stockholmer Vorort Gubbängen, am vergangenen Mittwoch: Die Ortsverbände der Grünen und der Linkspartei hatten zu einem Gespräch über rechte Gewalt eingeladen. Es sollte einen Vortrag von Mitgliedern der Zeitschrift «Expo» geben, die seit Jahren zu rechtsextremen Strukturen in Schweden recherchiert. Thema: die Inszenierung von Gewalt in Zeiten digitaler Aufmerksamkeitsökonomie, Überfälle und Belästigungen, die gefilmt und medial aufbereitet werden. Ausserdem war der Journalist Mathias Wag eingeladen, seit 30 Jahren Experte für rechte Medien und die Umtriebe schwedischer Neonazis, in seiner Jugend antifaschistischer Aktivist.

Kurz vor Beginn der Veranstaltung platzten fünf maskierte Männer herein, besprühten alle, die sie am Betreten des Saals hindern wollten, mit roter Farbe, warfen Rauchbomben, demolierten das Mobiliar, gingen gezielt auf Wag los, filmten die ganze Aktion und verschwanden dann so schnell wieder, wie sie gekommen waren.

«Das enge Podium war mein Glück», sagt Wag im Gespräch mit dieser Redaktion. «Überall Tische und Stühle – sie haben mich sicher zehnmal am Kopf getroffen, aber konnten einfach nicht gut ausholen.» Er hat am Samstagmorgen noch ein blaues Auge und Kopfschmerzen, ansonsten geht es wieder. Die drei Besucher, die am Mittwoch vorübergehend ins Krankenhaus mussten, sind auch wieder entlassen worden. Bisher konnte niemand gefasst werden, und es gibt auch kein Bekennerschreiben.

«Das enge Podium war mein Glück», sagt Mathias Wag nach dem Angriff.

Wie ernst der Überfall genommen wird, zeigt sich zum einen daran, dass alle Parteien heftig reagiert haben, Premierminister Ulf Kristersson sprach von «einer Attacke auf unsere gesamte Demokratie» und rief alle Parteiführer auf, gegen Angriffe, Belästigungen und die Sabotage politischer Versammlungen vorzugehen. Die polizeilichen Ermittlungen wurden einer Sondereinheit gegen demokratiegefährdende Straftaten übertragen.

Zum anderen geht unter Beobachtern der Szene ohnehin die Angst um, dass «neuerdings unter den harten Rechten dauernd von Abrechnung und Zeit der Rache die Rede ist». So drückt es Tobias Hübinette aus, der an der Universität von Karlstadt unterrichtet. Als der Soziologe und Literaturwissenschaftler im vergangenen Herbst ein Seminar zu «Rasse und Weisssein in Schweden» anbot, schrieb sich der rechtsextreme Influencer Christian Peterson ein, der als Videoreporter für die rechtsradikale Website «Insikt 24» arbeitet und das Projekt «Defamation Ombudsman» leitet, das Nationalisten dabei hilft, Gegner zu verklagen.

Influencer und rechtsextrem: Christian Peterson.

Peterson war aktiv in der rechtsnationalen Partei Alternativ för Sverige und im Nordic Resistance Movement (NRM), das immer wieder wegen gewalttätiger Übergriffe in den Schlagzeilen ist. Erst vor wenigen Tagen haben Mitglieder der Gruppierung ein Waldlager für obdachlose EU-Migranten in Hjulsta im Norden Stockholms angegriffen, das Peterson zuvor gefilmt und zu dem er GPS-Wegbeschreibungen gepostet hatte. NRM bekannte sich im Nachhinein zu dem Zerstörungsangriff, den es selbst als «Putztag» bezeichnete.

Peterson zeichnete Hübinettes Kurs auf und teilte Namen, Adressen und private Informationen der anderen Teilnehmer auf seinen Onlinekanälen. Ausserdem machte er immer wieder Anspielungen auf Hübinettes asiatische Herkunft (Hübinette wurde als Baby aus Südkorea adoptiert) und verbreitete eine solche Atmosphäre der Angst, dass die Hälfte der Kursteilnehmer nicht mehr erschien.

«Universität hat keinerlei Handhabe»

Als Hübinette beantragte, dass Peterson aus seinem Kurs ausgeschlossen werde, konstatierte der Disziplinarausschuss zwar, Peterson habe sowohl die Studierenden als auch den Kursleiter schikaniert, trotzdem gebe es keine Rechtsgrundlage für solch eine Suspendierung. «Die Universität hatte keinerlei Handhabe», so erklärt Hübinette in einem kleinen Café im Stockholmer Stadtteil Arsta. «Die Richtlinien stammen aus prädigitalen Zeiten, als es um analoge Störer oder betrunkene Randale ging, man kann damit nicht mehr der heutigen Taktiken mit Mobilkameras und Onlinediffamierungen Herr werden.»

Da Peterson Hübinette auch privat massiv stalkte, versuchte dieser vor Gericht ein Kontaktverbot zu erstreiten, was ebenfalls abgelehnt wurde. Hübinette fühlte sich irgendwann derart drangsaliert, dass er sich krankschreiben liess. Er hat eine sehr ruhige, abwägende Art. Aber auf die Frage, ob er sich immer noch bedroht fühle, sagt er wie aus der Pistole geschossen: «Natürlich.»

Nun ist Tobias Hübinette gewiss kein Angsthase, im Gegenteil, er ist auch deshalb bei vielen Rechten verhasst, weil er in den Neunzigerjahren das bereits erwähnte Magazin «Expo» im Alleingang gegründet hat. Schweden war damals weltweiter Mittelpunkt der rechtsextremen Musikszene, deutsche, amerikanische und britische Nazibands produzierten hier ihre Platten und veranstalteten grosse Konzerte.

«Attacke auf unsere gesamte Demokratie»: Premier Ulf Kristersson verurteilte die Tat – und mit ihm sämtliche Parteien.

Plötzlich gab es überall Skinhead-Verbände, eine Welle der Gewalt rollte durchs Land. Stieg Larsson, der später mit seiner «Millennium»-Trilogie berühmt werden sollte und zu der Zeit das wahrscheinlich grösste Archiv zu rechtsextremen Gruppierungen und Verbrechen zusammengetragen hatte, war so beeindruckt von Hübinettes Recherchen, dass er ihm für das Magazin all seine Unterlagen zur Verfügung stellte. Später lieh er Lisbeth Salander, der Heldin seiner Trilogie, einige Wesenszüge Hübinettes.

Hübinette ist überzeugt, dass die gewalttätige Rechte seit den letzten Parlamentswahlen «Morgenluft wittert». Im Herbst 2022 wurden die rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) zweitstärkste Kraft, die konservative Regierungskoalition ist seither von der Unterstützung der SD abhängig. Hübinette weist darauf hin, dass der SD-Vorsitzende Jimmie Akesson wiederholt gedroht habe, man werde die Verantwortlichen der Migrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte zur Rechenschaft ziehen.

So sagte er im November 2023: «Die totale Katastrophe, die unser Land heimgesucht hat, ist (…) das Ergebnis der schwedenfeindlichen Politik naiver, verblendeter Politiker. Lassen Sie uns sorgfältig aufzeichnen, wie es so schlimm kommen konnte und wer dafür verantwortlich ist. (…) Wir werden nicht vergessen, und wir werden nicht verzeihen.» Den Angriff auf Mathias Wag verurteilte Akesson aber in aller Form.

Wag, so sagt er am Ende des Gesprächs, werde sich nicht einschüchtern lassen. Hübinette hat seinen Kurs Anfang des Jahres wieder aufgenommen.

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