July 13, 2024

Vor ihrem Haus in Bagdad erschossen: Tiktokerin Ghufran Sawadi, auch genannt Umm Fahad.

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Viele Hände schnellten im irakischen Parlament nach oben, als dessen Präsident Mohsen al-Mandalawi zur Abstimmung rief. Die Abgeordneten verabschiedeten kürzlich eine Änderung des Prostitutionsgesetzes aus dem Jahr 1988. Demnach müssen Homosexuelle im Irak künftig für 10 bis 15 Jahre ins Gefängnis, wenn sie ihre sexuelle Orientierung ausleben. Ausserdem droht Menschen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, eine Gefängnisstrafe von ein bis zu drei Jahren. Ein früherer Entwurf sah für gleichgeschlechtlichen Sex sogar die Todesstrafe vor.

Das neue Gesetz verbietet auch die Aktivitäten von Organisationen, die «sexuelle Abweichungen« fordern. Dafür droht eine Strafe von mindestens sieben Jahren. Kritiker befürchten, dass damit auch Menschenrechtsorganisationen ins Visier geraten könnten. Mandalawi sieht in der Gesetzesänderung einen entscheidenden Schritt, um «unsere Kinder vor den Rufen moralischer Verderbnis und Homosexualität zu schützen».

Gewalt gegen angeblich unmoralische Menschen

Diese Gesetze kommen zu einer Zeit, in der Gewalt gegen Influencer, politische Aktivisten, Homosexuelle und Transgender regelmässig die Schlagzeilen im Irak bestimmen. Vor zwei Wochen wurde die Tiktokerin Ghufran Sawadi, auch genannt Umm Fahad, vor ihrem Haus in Bagdad erschossen.

Sie tanzte in eng anliegenden Outfits und mit ordentlich Make-up im Gesicht für ihre Follower zu irakischer Musik. Die Behörden hatten sie bereits vor gut einem Jahr im Visier: Damals wurde sie zu sechs Monaten Haft verurteilt. Auch hier lautete der Vorwurf, ihre Videos würden «unanständige Äusserungen enthalten, die unbescheiden sind und die öffentliche Moral verletzen». Umm Fahad war nicht die erste Influencerin, die erschossen worden ist.

Erst im vergangenen September wurde Noor Alsaffar, auch bekannt als Noor BM, ein Tiktoker, der sich als männlich definierte, aber gern lange Haare, Make-up und bauchfreie Tops trug, in Bagdad getötet. 2018 wurde die Instagrammerin Tara Fares, 22 Jahre alt, erschossen. Und nur wenige Wochen danach wurde der erst 14-jährige Hamoudi Mutairi, der auf Social Media wegen seines «femininen Looks» regelmässig angefeindet wurde, in Bagdad erstochen.

Verachtung für die Vielfalt von Lebens- und Liebesformen: An einer antiwestlichen Demonstration in Bagdad wird eine Regenbogenflagge in Brand gesetzt.

Im letzten März forderte die Kommunikationsministerin Hayam al-Yasiri die Regierung dazu auf, «zum Schutz gesellschaftlicher Werte» gegen Tiktok vorzugehen. Die Ministerin, die der proiranischen Miliz Kataib Hizbollah nahesteht, sagte, dass Tiktok zur «Erosion der sozialen Einheit des Landes» beigetragen habe. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 32 der 44,5 Millionen Irakerinnen und Iraker die App nutzen.

«Ob alt oder jung, reich oder arm, Tiktok ist unter allen Irakern extrem beliebt», sagt Ahmed al-Basheer. Der irakische Komiker hat sich oft mit brisanten Themen beschäftigt. In seiner politischen Satireshow sprach er über Korruption und konfessionelle Spannungen im Land. Seine Videos entstanden im jordanischen Exil. Er weiss, wie gefährlich es im Irak werden kann für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Sein Vater und sein Bruder wurden im Irak getötet: einer von al-Qaida, der andere von schiitischen Milizen.

Radikaler Einfluss des Iran ist im Irak allgegenwärtig

«Das Hauptproblem im Irak ist, dass Täter ungestraft davonkommen. Deshalb fühlen sich viele ermutigt, solche Morde zu begehen», sagt Basheer und nennt das Beispiel des im Jahr 2020 ermordeten Politikanalysten Hisham al-Hashimi. Alle Beweise deuteten auf einen Täter aus der einflussreichen proiranischen Miliz Kataib Hizbollah hin. Doch ein Gericht sprach den Mann frei.

In den letzten Jahren hat die Regierung zudem vage formulierte Gesetze beschlossen, um jede Person ins Visier zu nehmen, die mutmasslich gegen die «öffentlichen Moralvorstellungen» verstösst. Kritiker werfen der Regierung vor, sie bringe damit Stimmen zum Schweigen, die die Korruption der Politelite und die Machenschaften der proiranischen Milizen anprangerten.

Der Einfluss des schiitischen Nachbarlandes ist allgegenwärtig. Immer wieder kommt es – auch im schiitischen Süden des Irak – zu Demonstrationen. Vor allem die jungen Menschen wehren sich gegen die Korruption, die hohe Arbeitslosigkeit und den politischen Einfluss des Iran.

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